Montag, 26. August 2013

Take-Off

7.15 Uhr. Wecker klingelt.

7.30 Uhr. Entferne SCHWARZE Krusten aus der Badewanne

8.00 Uhr. Jetzt kommen sie gleich.

8.30 Uhr. Eigentlich müssten Sie jetzt schon da sein.

8.45 Uhr. Schaaahaaatz, der Umzug ist doch heute, ODER????

8.50 Uhr. Mal anrufen.
"Geschmeidige Umzüge, Herr Superentpannt-lustig am Apparat. Was kann ich für Sie tun?"
"Guten Tag, Frau Zumbrechenflexibel hier. Wir waren doch heute verabredet?!"
"Ja, klar! Ick hab Sie hia uff meener Liste. Die müssten jeden Moment komm'. Wir hamm Sie nich fajessen."
"Schön. Dann bin ich ja beruhigt. Wiederhören."
"Jawoll. Schön' Tach noch."
"Hm. Danke."

8.56 Uhr. Vorhut erscheint, besichtigt das Haus und trinkt gerne einen Kaffee.

9.15 Uhr. 18-Tonner erscheint und ist zu groß für die Auffahrt. Der Gigant wird nun also 24 Stunden die halbe Straße blockieren und sämtliches Mobiliar wird etwa 60 Meter weit zum LKW geschleppt. Die (Ex)Nachbarschaft wird also bestens informiert.

9.16 Uhr. Autos stauen sich kilometerweit. Ortskundige werden gebeten, den Bereich weiträumig zu umfahren.

9.30 Uhr. Erfahre telefonisch vom dramatischen Urtikaria-Anfall von Kind Nr.1, der sogar im Nachtnotdienst behandelt werden musste. Toll. Und bei mir kriegen sie immer nur Magen-Darm.

10.00 Uhr. Kinder-, Schlafzimmer und Bad sind gepackt.

10.15 Uhr. Altkleidersack entsorgt.

10.16 Uhr. Ich organisiere Pizza für fünf Kerle.
"Irgendwelche Sonderwünsche?"
"???"
"Naja - kein Schweinefleisch, gar kein Fleisch, kein Käse..."
"Wieso? Nee. Wir essen alles."
"Alles klar."
Mit so einer Ansage kann ich arbeiten.

11.40 Uhr. Drei Milliarden Kisten sind verpackt und verladen. Der Gipsabdruck der ersten Schwangerschaft liegt mittig auf dem Tisch. Hmmm.

11.50 Uhr. Kaffeepause.

12.10 Uhr. Pizzazeit. Entdecke zum ersten Mal, dass man auch drei TK-Pizzas gleichzeitig in den Ofen bekommt.

12.45 Uhr. Trampolin abgebaut.

13.00 Uhr. Radio Frizz nervt nach drei Stunden BRUTAL.

13.03 Uhr. Fuchskot mit Würmern im Garten gesichtet. Zeit zu gehen.

13.56 Uhr. Drei Meter vor unserem Umzugslaster geht ein Golf in Flammen auf und brennt vollständig aus. Großaufgebot der Feuerwehr rückt an.

MAAAAANN!!! WIR KÖNNEN NICHTMAL NORMAL UMZIEHEN.

13.58 Uhr. 3 Feuerwehrfahrzeuge, ein Polizeiauto und ein Dieseltanklastzug stehen vor dem Haus. Die vier ersten löschen Flammen, beseitigen Gestank und Schadstoffe, erfassen den Vorfall protokollarisch. Der Fünfte versucht, aus der Vollsperrung rauszukommen.

14.00 Uhr. ALLE Nachbarn stehen auf der Straße. Gute Gelegenheit, sich von allen zu verabschieden.

Liebe Kreuzberger, das müsst ihr uns erstmal nachmachen!

14.30 Uhr. Fünf Feuerwehrleute sitzen an der geräumten Unfallstelle in der Sonne und haben viel Spaß.

15.30 Uhr. Nach einer Stunde erfolglosen  Klebeschicht-der-Schreibtischstuhlunterlage-vom-Laminat-schrubben erledigt Herr Zumbrechenflexibel den Job in 5 Minuten mit ein bisschen Bio-Ethanol.

16.00 Uhr. Das Wasser wird aufgrund eines Hydrantenschadens auf unbestimmte Zeit abgestellt.

Ach ja - die oberen zwei Geschosse sind vollkommen leer. Außer den Staubmäusen, versteht sich.

16.39 Uhr. Vom Sofa aus sieht alles noch fast normal aus. Nur das fehlende Trampolin im Garten zeigt an, dass irgendwas im Gang ist.

17.00 Uhr. Alle Schränke sind leer.

17.05 Uhr. Abschiedsplausch mit der Nachbarin. Dabei werden die Wasserwerker beobachtet, die immer noch versuchen, den Hydranten wieder flott zu bekommen.

17.30 Uhr. Möbelpacker machen Feierabend. Bismorgen.

War doch ganz entspannt.

Was machen wir jetzt? Ab nach Mitte, Sundowner trinken.

Sonntag, 25. August 2013

Countdown: EINS

Kinder weg, Haus im Chaos und Herr Zumbrechenflexibel und ich in Mitte, um unseren 12. Hochzeitstag zu feiern. An einem Sommerabend, ohne Kinder in Berlin. Was könnte schöner sein???

Samstag, 24. August 2013

Countdown: ZWEI

Die offizielle Tschüssrunde mit Kindern ist gelaufen. Das war's jetzt. ENDGÜLTIG.

Bei Kaiserwetter auf den Spielplatz an der Malche. Großer Spaß im Wald mit Mücken, Wackelbrücke und Seilbahn. Früher gab es da auch noch Wasser in einem großen gepflasterten Tümpel, das ist jetzt Geschichte. Das Foto links zeigt Kind Nr.1 vor sehr langer Zeit in genau diesem Bassin. Den  malerischen Weg dorthin durch den Tegeler Schlossbezirk werde ich sehr vermissen. Den Spielplatz selbst nicht so.

Dann zum Kiosk auf der Malche, Apfelschorle trinken und Pommes essen. Mit Curry Ketchup. Wird von Kind Nr.2 nicht goutiert. Kind Nr.1 freut sich. Mit Dreirad, Fahrrad und den zwei Fahrern nun alleine Richtung Sechserbrücke. Hoch geht es noch geschmeidig, Mutter schleppt beide Fahrzeuge die Treppe hoch, Kinder freuen sich oben "Oh, guck mal, Mama, das Meer!" und fahren in unterschiedlichem Tempo ans andere Ende. So dann das Problem: Kind Nr.1 will sein Fahrrad alleine runtertragen, wird von mir aber gebremst "S.T.O.P.P.!!! SO-FORT!!! Und bleibt irritiert auf der vierten Stufe mit quer hängendem Fahrrad stehen. Passanten gehen darum herum und stören sich nicht weiter, schieben das Ding auch einfach mal ein bisschen zur Seite. Das Kind schwankt und ich aus Sympathie gleich mit. Ich bin schon an der Kante, um das Fahrzeug endlich an mich zu nehmen, da kreischt Kind Nr.2 panisch von der Mitte der Brücke, wo ich denn sei. "Ich bin hier, fahr einfach weiter!" "WOOHOO!?" "Hier. Fahr noch etwas geradeaus, dann siehst du mich wieder." "ISS KANN NISS!" Endlich greifen zwei beherzte Omis ein. Sie schnappen sich das Fahrrad von Kind Nr.1 und tragen es die lange Treppe hinunter, sodass ich mich um den vermeintlich verlorenen Sohn kümmern kann.

Jetzt zur Greenwichpromenade an den Tegeler See. Dampfer verabschieden, Rentner, Sommerfrischler, Gänse, Schwäne, Enten, Möven und die schwarzen Seevögel mit den gelben Füßen, die beim Schwimmmen immer mit dem Kopf nicken, auch. Dort an den Seespielplatz - für meinen Geschmack genau zwei Spielplätze zuviel an einem Tag. Sich plötzlich wieder daran erinnern, dass bei gutem Wetter maximaler Sozialstress an der Tagesordnung ist und andere Kinder immer doof sind. Und die Eltern erst. Dass Fallkies super ist, um bei seltenen Stürzen von den Geräten das Schlimmste zu verhindern, aber immer und jederzeit die Schuhe der Eltern ruiniert. Dass man keines Falls gemütlich mit anderen Eltern schnacken kann, sondern sein Kind immer vor den assigen anderen Kids schützen muss. "Na?? Trauste dir nich zu rutschen, Keule?" "Keule" war mal Kind Nr.1. "Dett is janz einfach, weeste? Da setzte dir hier so druff, wa?" Nimmt mein kleines, zartes Kind und rammt es mit dem Windelhintern auf die Rutsche. "Dann hälste dir hia jut fest, fastehste? Und dann jehts ooch schon los!" Und schubst die Süße mit Kawuppdich die Rutsche runter. Die war so überrascht, dass sie erst unten angefangen hat, zu schreien. Zwei Jahre später hat dasselbe Kind nach vielen Umdrehungen auf dem Karussel in den Sandkasten gekotzt, was von einer pragmatisch veranlagten Freundin mittels Buddelschüppe schnell untergehoben wurde. Kind Nr.2 hat am Rande ebend dieses Sandkastens seinen ersten Sommer verbracht. Allerdings im Tragetuch. Bei gefühlten 100 Grad im Schatten. Heute wehte eine steife Brise (hatte ich auch vergessen) und pustete uns alle gut durch. Voll verfroren auf zum nächsten Tagesordnungspunkt:

Nach dem Sechsuhrläuten der nahem Dorfkirche nach Alt Tegel. Dort noch einmal am Kindergartentor vorbei und die von Platanen überschattete Flaniermeile runter zum Eisladen Florida. "Das iss niss Florida. Hier gipps ja kaine Krokodile!" Alles klar, Schatz. Schoko oder Stracciatella?" "Ssoko. Mit bunten Streseln und einer Glitzerpalme." Ein letztes Mal auf der Holzbank um die große Platane sitzen, Eis Löffeln, damit die Kerntemperatur auf 0 Grad absenken und dann die mit Staub, Eis und Feuchttuchkleber panierte Brut ins Auto verfrachtet. Vorher noch die längsten Freunde verabschiedet.Ihr seid toll. Alle vier.

Dann zu Hause die Kinder ein letztes Mal in den Whirlpool gesetzt und mit sehr viel Seife, Shampoo und mechanischem Abrieb runderneuert. Letzes Abendritual im eigenen Haus. Morgen werden sie schon fort sein.

Das ist traurig.

Freitag, 23. August 2013

Countdown: DREI

"Die Illusion von Zeit und Raum" - eine künstlerische
Etüde zur pastosen Maltechnik aus Klasse 12. Das
kommt raus, wenn man alle drei Jahre seine Garage
entrümpelt.Mal gucken, was nächstes Mal erscheint.
Langsam sind wir wirklich raus. Heute der allerletzte Gang in die Kita, Kind Nr.2 abholen, zu Freunden, Kind Nr.1 abholen und auf dem Heimweg den treuen Nachbarn für Montag noch auf ein Tschüss-Bier eingeladen. Wobei mir einfällt, dass wir dann gar keine Möbel mehr haben werden, auf denen wir das zu uns nehmen können. 

Ok. Stehparty. Man muss halt auch mal ein bisschen improvisieren bei gesellschaftlichen Anlässen. Streng nach Protokoll ist eh nur für Royals. Die leeren Flaschen werden später im Garten vergraben. Wenn überhaupt. Man wird so wahn-sin-nig entspannt, wenn man aus der Eigentümernummer 'raus ist. Toll. 

Was mich allerdings nicht davon abgehalten hat, heute stundenlang mit dem Fön über doppelseitigem Klebeband zu hocken, um unseren zu Tode gespielten, braunen Nadelfilzteppich zu lösen. RÜCKSTANDSFREI! Total irre. Fortschritt: 0,5 m/h. Körperliche Folgen: wunde Fingerkuppen und schmerzende Knie. Defekter Fön. Naja - nicht ganz. Nach 20 Minuten Heizpause ging er dann wieder. Die Lektion aus der Sache: Nie wieder doppelseitiges Klebeband, wenn man die Absicht hat, es irgendwann wieder zu entfernen. Oder man zieht aus und hinterlässt keine Nachsendeadresse. Da fällt mir ein - das haben unsere Vorbezitzer so gemacht. Bei der Post, die kam, ist klar, warum.

Wir lösen uns also jetzt von Berlin, um uns vorübergehend - sagen wir mal aus dem Bauch heraus: für drei Jahre - im Rheinland niederzulassen. Was interessant ist: je näher der Abschied kam, desto intensiver wurden die sozialen Aktivitäten. Man könnte sagen geradezu manisch. Hätten wir das im ganzen letzten Jahr so gemacht, wären wir aus dem Feiern nicht mehr raus gekommen. Und wahrscheinlich nach wenigen Wochen am Stock gegangen. Oder an Vitaminmangel gestorben, bei dem ganzen Kaffe- und Kuchengedöhns. Vielleicht auch eine Mischung von beidem. Jedenfalls ist die Zeit der Treffen jetzt vorbei. Ich bin ehrlich gespannt, wen wir tatsächlich nochmal wiedersehen werden. Meine Absicht, zumindest schriftlich Kontakt zu halten, ist aufrichtig und ehrlich. Ich bin gespannt, was sich einhalten lässt. 

Die persönlichen Abschiede sind dieser Tage die größte Bürde. Die Logistik Nebensache. Darum beneide ich die richtigen Nomaden aufrichtig: Sie haben ihre Lieben immer mit in der Karawane. Es ändern sich dann zwar Kulisse, die Jagd- und Weidegründe, vielleicht auch das Wetter, aber die emotionalen Bezugspunkte bleiben konstant. Klingt gut. Wenn ich mir vorstelle, ab nächster Woche wieder die "Hallo-ich-bin-also-die-Neue-sollen-wir-Freunde-sein-Nummer" durchzuziehen, wird es mir ganz schlecht und ich erwäge ein Eremintendasein. Ganz für mich. Im tiefen Wald. Zwischen Düsseldorf und Köln. Vielleicht errichte ich auch so'n Biwak am Rhein. Ach nee - da sind ja noch die Kinder. Mist.

Naja. Wie geht's weiter? Morgen kommt noch die ganz persönliche Tschüss-Runde durch Tegel. Und dann war es das. ENDGÜLTIG. Übermorgen werden Kind 1 und 2 gemeinsam zu den Großeltern geschafft. Krass. Bis jetzt fühlt sich noch alles an, wie ein ganz normales Wochenende. Ich bin gespannt, ab wann genau es sich tatsächlich real anfühlt, wegzugehen. Wenn die Kinder weg sind? Wenn die Packer kommen? Wenn wir im Auto nach Westen sitzen? Im Stau vor Dortmund? Im neuen Haus? Nächstes Jahr?

Schätze, wenn der Kram in Kisten verschwindet. Wenn es doch erst soweit wäre.

Donnerstag, 22. August 2013

Countdown: Vier

Ohne Worte schön.
Es ist geschafft. Der letzte Tag Transnationsehe ist zu Ende. Also noch nicht ganz, aber am Ende dieses Textes. Denn dann werde ich schlafen gehen und wenn ich wieder aufwache, wird Herr Zumbrechenflexibel zu Hause angekommen sein und bis auf Weiteres nicht mehr zu anderen Ufern aufbrechen. Zumindest nicht mehr alleine. Egal, wo es ihn hintreibt, am Ende des Weges wird er seinen Trolley öffnen und MINDESTENS ein Kind darin finden. Ich schwör'!

Keine Strohwitwe mehr. YAY!

Ich kann das noch gar nicht fassen und bin ein bisschen euphorisch. PROST!

Heute habe ich zum letzten Mal den Abend allein bestritten und beide Kinder bettfein gemacht. Sie müssen das gewittert haben, denn heute haben sie nochmal alles gegeben. Von "Ich habe keinen Hunger" um sechs bis "Ich habe sooo Hunger" auf dem Weg ins Bett, Zahnpasta auf den Boden spucken (ist euch eigentlich schon mal aufgefallen, dass diese Milchzahnpolitur echt verdammt hartnäckig auf Keramikfliesen klebt?) natürlich nicht waschen, Nuckel vermissen und die Gutenachtgeschichte alle zwei Sekunden torpedieren. Wenn das demnächst wieder passiert, kommt folgender Satz quasi von selbst: "Schaaahaaaatz, kannst du dich bitte mal darum kümmern und dir die Laune komplett für die nächsten drei Tage versauen lassen? Ich bin gerade total intensiv mit DEM ANDEREN Kind beschäftigt. Ich kann gerade wirklich nicht. ÄCHT."

Oder nicht mehr alleine abends unproduktiv vor der Glotze sitzen, sondern das zusammen erledigen. Oder morgens jemanden haben, den man harmonisch anschweigen kann. Ach nee. Da sind ja noch die anderen zwei. Oder wenn der Tank/Apfelsaft leer ist/die Wickeltasche nicht dabei/ Nuckel weg/Laufrad vergessen etc. jemand anderem bittere Vorwürfe machen können.

Das wird toll. Ick freu mir so!

Krass: Heute in einer Woche werden wir im neuen Heim sitzen und Herr Zumbrechenflexibel wird total fertig sein, weil er neben der Einrichtung der neuen Hütte auch noch die Leerung und Übergabe seiner Düsseldorfer Bleibe deichseln muss. Möchte da nicht mit ihm tauschen. Geht um richtig schwere Sachen schleppen und so. Das ist nix für mich. Wenigstens da bin ich ganz Mädchen. Da mache ich dann lieber Pizza für alle. Und einen schönen heißen Tee.

PS: Heute hat Kind Nr.2 in der Kita seine Abschiedsparty gefeiert. Stilecht mit Superschokoladenkuchen, unter Piratenwimpeln und mit allen seinen Freunden. Muss ein rauschendes Fest gewesen sein, denn hinterher wähnte man sich ein Jahr älter. Man habe ja Geburtstag gefeiert. Man wolle auch die Freunde mal mit in die neue Kita nehmen und sie ihnen zeigen. Bei einem Ausflug. Würde ich mich nicht gerade total egoistisch so wahnsinnig freuen, müsste ich jetzt heulen. Armer kleiner Kerl! Hoffentlich stehen schon viele neue Freunde parat, die nur auf den kleinen Piraten gewartet haben und ihn freudig in ihrer Mitte aufnehmen, wenn er da ist.

Mittwoch, 21. August 2013

Countdown: Fünf

Salzteigrakete auf Ceranfeld.
Noch fünf Tage, dann ist Takeoff. Ich. Kann. Das. Nicht. Fassen. ECHT NICHT!!! 

Ich komme mir vor wie ein Raumpilot, den man vor einem Jahr - nein: elf Monaten, wir wollen ja nicht übertreiben - in seine Raumkapsel geschnallt hat. Seit dem sitzt er da, denkt darüber nach, wie sich der Start wohl anfühlt, ob ihm schwindelig wird dabei, wodurch die Entscheidung zum Start fällt, ob es Faktoren gibt, die ihn beschleunigen/verzögern, ob er zwischendurch mal aussteigen kann und ob er dann wohl wieder zurückkommt, ob es grundsätzlich eine gute Wahl war, Astronaut zu werden, wenn man dafür solange Zeit auf einem blöden Sessel verbringen muss.Fragen über Fragen über Faregn. Aber er hat ja ZEIT.

Dann  sitzt er ewige Monate da rum, sein Hintern hat inzwischen die Form des Sessels angenommen, er glotzt etwas trüb in den Himmel, der mal blau, mal voller Sterne ist und merkt gar nicht, dass ihm der Start als mögliche Realität völlig entglitten ist. Er kann ihn nur noch theoretisch denken. Also so als Gedankenexperiment. Was wäre, WENN dieses Ding hier tatsächlich abheben würde? Keine Ahnung. Wann sollte es das doch gleich tun? Vergessen. Naja. Was war gleich die Frage? Pfffffffft... Deswegen bleibt er auch vollkommen unbeteiligt sitzen, wenn der echte Countdown beginnt. Sein Puls bleibt irgendwo an der 75 hängen, die Gedanken wandern hier- und dorthin und so am Rande bekommt er mit, dass in seinem Kopf irgendwer total penetrant rückwärts zählt."Was soll das eigentlich?" denkt er vielleicht. "Sind wir in der Sesamstraße hier?" Und sein Verdacht würde sich bestätigen, flöge in diesem Moment Super-Grobi durchs Bild. 

Der Zähler steht jedenfalls auf fünf. Das ist genau die Mitte zwischen Beginn der heißen Phase und ihrem unabwendbaren Ende. Vor der Fünf kommen neun, acht sieben und sechs. Danach nur noch die unglaublich mystischen Zahlen des Ursprungs - vier, drei zwei und eins. Dann geht es los. BOMBASTISCH, oder??? Und genau dazwischen - in der Mitte eben - hängt die Fünf. Oder sie thront und markiert das Bergfest.

Fünf. 

Komische Zahl. Irgendwie voll unterrepräsentiert. Oder? Ich meine - bei den anderen Zahlen denkt man an irgendwas. So zwei: Paar, drei: Trinität, vier: Kleeblatt oder quadrat von zwei, sechs: zwei mal drei und so weiter. Aber FÜNF? Da kommt bei mir erst mal nix. Deswegen erstmal bei Wikipedia gegoogelt. 

Als erstes steht da "Die Fünf ist die natürliche Zahl zwischen vier und sechs. Sie ist ungerade und eine Primzahl." Aha. Da komme ich noch mit. Und dann stehen da noch ganz viele andere ganz schlaue Sachen, wie 
"Pentadaktylie, die Fünfstrahligkeit oder die Fünffingrigkeit, bezeichnet die grundlegende Untergliederung der einzelnen Extremitäten der Wirbeltiere in je fünf distale, also endständige, Fortsätze." 
Boah! Da ist mir aufgegangen, dass die Fünf 'ne echt krasse Nummer ist. Nimmt man nur die Redensarten, hat sie zwar immer was mit Beschiss, Ungemach oder "Wahrheitsbeugung" zu tun: "fünftes Rad am Wagen sein", "Fünfe gerade sein lassen", "X für ein U vormachen" (wie letzteres mit der Fünf zusammengeht: Guckst du Wikipedia) ABER: Die Fünf macht es endlich möglich, Äpfel mit Birnen UND Seesternen zu vergleichen: sie sind alle fünfstrahlig strukturiert. Toll, oder? 

Jetzt kommt aber das mit Abstand Interessanteste an ihr ist ihr sprachlicher Ausnahmestatus: Sie ist neben "Hanf" und "Senf" das einzige Wort in der deutschen Sprache, das auf "nf" endet. Allein diese Erkenntnis war den ganzen vorangehenden Sermon wert.

Und was macht das jetzt mit dem Raumfahrer in der Kapsel? Keine Ahnung. Der wartet weiter auf den Start. Und hält ihn nach wie vor für unwahrscheinlich, weil er ja bis jetzt noch nicht stattgefunden hat.

Dienstag, 20. August 2013

Countdown: Sechs

Klar. Wenn man in einer Stadt lebt begegnet man Menschen. DAUERND. Diese Begegnungen reihen sich aneinander, überlagern sich, überstrahlen alles andere oder gehen einfach unter. Manche sind interessant, andere belanglos einige bedeutsam. Ein paar gehen in die Tiefe, sind verbindlich, andere bleiben an der Oberfläche und sind bedeutungslos. Dazu gesellen sich geschäftliche, absurde, banale und - jaaajaa - leider auch peinliche Begegnungen. Aber in ganz seltenen Fällen gibt es auch die wunderlichen Begegnungen. Die finde ich ja am besten.

Von der außergewöhnlichsten Begegnung meines Lebens habe ich ja schon im Zusammenhang mit Else Methner geschrieben. Die ist nicht zu toppen - zugegeben. Schade eigentlich, dass mein Leben in dieser Hinsicht schon SO früh vollendet ist... Hmm. Naja. Aber trotzdem gibt es noch andere unglaublich interessante Erscheinungen, mit denen ein Gespräch sicher aufregend gewesen wäre. Auf die eine oder andere Weise. Vielleicht auch aufreibend.

Es gibt da zum Beispiel diesen alten Mann, den ich jetzt seit knapp drei Jahren fast täglich auf unserer Straße sehe. Er steht da bei jedem Wetter, im Sommer und im Winter. Immer innerhalb eines etwa hundert Meter langen Straßenabschnittes. Immer. Ganz alleine. Trotzdem spricht er von Zeit zu Zeit oder bewegt zumindest die Lippen (ohne Head set - ich schwör'!). Manchmal wechselt er die Seite. Dazu muss man sagen, dass wir nicht in Mitte wohnen, wo sich irgendwie dauernd was Bemerkenswertes am Straßenrand abspielt. Gar nicht. Es handelt sich hier um eine einspurige Durchgangsstraße aus Brandenburg nach Reinickendorf und alle 20 Minuten kommt ein Bus. Hier steht er also wie ein Wächter in geheimnisvoller Mission.  

An der etwas schiefen, leicht gebogenen Haltung, den fahrigen Bewegungen der Arme und dem entrückten Gesichtsausdruck erkennt man schnell, dass sein Blick in die Welt sicher zu vollkommen anderen Erkenntnissen führt, als der meinige, der meiner Freunde und - ich weiß, dass das jetzt eine ungeheuer anmaßende Annahme ist, ich trau mich aber trotzdem - der der meisten anderen Menschen. Früher hätte man einfach gesagt, dass er leicht irre ist und alle hätten gewusst, wovon die Rede ist. Das darf man heute aber nicht mehr, sondern muss rumeiern und Missverständnisse in Kauf nehmen. Ich kenne den politisch korrekten Ausdruck nicht, versuche es aber einfach mal mit "ein anhaltend mental herausgeforderter Mensch". Hört sich bombig an. Oder?! Jawoll. Also weiter.

Dieser Mann steht hier nun in der gesamten Zeit, die wir hier wohnen und bewacht täglich die Straße. Oder uns. Oder wen anders. Oder er wartet beharrlich auf einen bestimmten Bus, der bisher aber noch nicht gekommen ist. Das ist fast poetisch. Möglicherweise saß in einem dieser Busse einmal die Liebe seines Lebens und er hat sie verpasst. Jetzt hofft er seit dreißig Jahren, dass sie noch einmal an ihm vorbei fährt. ... Ach nee. Das ist kitschig. 

Es ist auch denkbar, dass es ihn gar nicht wirklich gibt und er nur eine Emanation meiner überspannten Fantasie ist. Einer neutralen überspannten Fantasie, denn er sieht überhaupt nicht gefährlich, aggressiv sonstwie verkommen oder abstoßend aus. Im Gegenteil: Er trägt immer saubere Kleidung, Körper (soweit sichtbar), Gesicht und Haare sind immer sauber, letztere sogar geschnitten und frisiert. Vermutlich residiert er nachts in der nahegelegenen Diakonie, wo man für ihn sorgt und ihn nach besonders heißen oder kalten Tagen wieder aufpäppelt.

Aber jetzt zurück zu der Begegnung. Die sich in der echten Wirklichkeit - also der dinglichen Realität - natürlich nie ereignet hat. Denn sonst wüsste ich ja, warum er da steht und was seine Mission ist und das ganze Ding wäre vollkommen langweilig. Neinein. Die eigentliche Begegnung beschränkt sich auf die bloße Wahrnehmung dieses Mannes, der wie eine Spukgestalt in ein räumlich fest umrissenes Arreal gebannt ist und diese unbändige Neugier, warum er immer dort ist. Was er denkt, worauf er wartet und was er sieht. Aber mal ehrlich: Ich traue mich nicht. Wer weiß, was er mir dann sagt? Wie er reagiert?

Was würdet ihr machen? Interessiert mich ehrlich!

Vielleicht frage ich ihn wirklich noch. Wahrscheinlich wird er dann grinsen und sagen "Mensch, bin ich froh, dass Sie mich nochmal ansprechen. Ich habe mich nämlich schon seit Jahren gefragt, warum Sie jeden Tag dieselbe Strecke fahren und mich dabei immer so komisch angucken. Ich habe schon gedacht, sie wären eine Freigängerin der Diakonie. Naja. Dann hätten wir das ja glücklicherweise geklärt. Guten Umzug."