Montag, 12. Januar 2015

Facebook folgt mir. Und dir auch!



Wer sich ab dem 30. Januar 2015 bei Facebook einloggt, willigt automatisch in die neue Datenschutzrichtlinie des Unternehmens ein. Die besagt, dass Facebook von diesem Tag an nicht nur wie bisher Informationen aus dem Nutzerprofil und den damit verbundenen Apps, Spielen und Anzeigen sammelt und auswertet, sondern seine Mitglieder auch beim Surfen außerhalb des sozialen Netzwerkes beobachtet. Widerspruch ist nicht möglich. 

Bewerkstelligt wird die gezielte Verfolgung der Nutzer durch die Technologie eines eigenständigen Facebook-Tochterunternehmens, dem Werbenetzwerk Atlas Solutions, LLC. Der Dienst wurde ursprünglich von Microsoft gegründet und stellte Firmen - ähnlich wie Google - im ganzen Internet Raum für Anzeigen zur Verfügung. Facebook hat das Unternehmen im Jahr 2013 gekauft und die Plattform grundlegend überarbeitet. Jetzt soll Atlas nach eigenen Angaben in der Lage sein, Personen im Netz zielsicher zu identifizieren und mit individuell zugeschnittener Werbung zu versorgen, ihre Wirkung auf den potenziellen Kunden zu analysieren und so Schritt für Schritt zu verbessern.
Was sich zunächst recht harmlos anhört, hat es aber in sich. Wer die Datenrichtlinien bei Facebook liest, könnte meinen, dass das soziale Netzwerk seine eigenen Anzeigen künftig einfach nur auf andere Internetseiten ausweitet und man das Problem löst, indem man die Werbung ausblendet. Das kann man tun. Es verfehlt aber den Kern des Problems. Denn Atlas sammelt die Daten unbeeindruckt weiter, verzichtet lediglich darauf, dem Nutzer „seine“ Anzeigen zu präsentieren. 

Was ist neu?

Bisher fiel es Cookies und Co. grundsätzlich schwer, dem Nutzer zu folgen, sobald der die Geräte wechselte. Die kleinen Spähdateien können nicht vom Desktop-Rechner auf das Smartphone und umgekehrt wechseln. Eine gute Mischung von Laptop, Smartphone oder Tablet und der Gebrauch unterschiedlicher Browser haben also geholfen, die Identität des Nutzers einigermaßen zu verschleiern. Atlas bleibt aber immer am Mann bzw. an der Frau: Der Dienst überwindet diese Hardware-Barrieren und folgt dem Nutzer geräteunabhängig und personenbezogen durch die digitale Welt, sammelt dort eifrig Informationen über die Websites, die er besucht, Streamings, die er betrachtet, welche Anzeigen von Interesse sind, Besuchszeitpunkt  und Aufenthaltsdauer im angeklickten Shop.

Wie funktioniert das?

Ähnlich wie Google-Werbeanzeigen platziert Atlas Werbung im gesamten Internet. Diese Anzeigen erkennen Facebook-Mitglieder anhand ihrer Nutzerkennnummer. Diese Kennnummer wird einmalig bei der ersten Anmeldung in dem sozialen Netzwerk vergeben. Sie diente bisher unter anderem dazu, das Verhalten der Mitglieder innerhalb Facebooks zu verfolgen. Nun nutzt Atlas genau diese Nummer, um Facebook-Mitglieder im Netz zu identifizieren und sie bei ihren Spaziergängen durch die bunte digitale Welt auf Schritt und Tritt zu begleiten, zuzuschauen, welche Interessen sie haben, wo sie Einkaufen, was sie kaufen, ob sie bevorzugt Schnäppchen machen oder auf Qualität achten - alles ist interessant und wird gesammelt. Denn je mehr Atlas weiß, desto gezielter kann Werbung platziert werden. Gibt es Kinder? Ein Einkauf von Kinderbekleidung, Spielzeug oder Ratgeberliteratur verrät es. Gibt es Eheprobleme? Vielleicht, weshalb sollte sich eine „verheiratete“ Person sonst auf Single-Börsen tummeln? Vielleicht ist auch ein neuer Wagen fällig, weil sich die Suchanfragen nach Werkstätten häufen. Die neuen Facebook-Richtlinien ebnen den Weg, um genau diese Informationen über das Verhalten im Netz mit den Daten aus dem Facebook-Profil zu verbinden. Ein Eldorado für Werbetreibende. Entblößend für Nutzer.

Welche Informationen sammelt Atlas?

In seinen Richtlinien beschreibt Atlas sein Vorgehen wie folgt: Wird dem Nutzer eine Werbeanzeige aus dem Atlas-Netzwerk präsentiert, werden dauerhafte Cookies oder vergleichbare Technologien auf dem Endgerät platziert. Diese kleinen Dateien erkennen bei jeder weiteren Anzeige aus dem Atlas-Netzwerk die so gekennzeichneten Geräte immer wieder. Bei jedem Treffen werden mindestens folgende Informationen gesammelt oder abgeglichen: Die IP-Adresse des Endgerätes, die Kennnummern der darauf abgelegten Cookies, individuelle Identifikationscodes, die mit dem Browser oder Endgerät verbunden sind, den Browser-Typ und die auf ihm eingestellte Sprache und das Betriebssystem. Das bewegt sich noch im Rahmen dessen was viele andere Anwendungen im Netz auch tun. Ebenso registriert Atlas die URL der jeweils betrachteten Seite oder der genutzten App sowie die genaue Anzeige, die auf der betrachteten Seite oder App platziert ist, zusammen mit Datum und Zeitpunkt ihrer Präsentation. Darüber hinaus merkt sich das System auch, welche Produkte und Angebote der Werbepartner auf der Anzeige zu sehen waren. Klickt der Nutzer auf die Anzeige, wird auch diese Aktion von Atlas gesammelt und gespeichert. Ebenso wie Suchbegriffe, die der Nutzer in Suchmaschinen eingibt. Diese zunächst noch nicht personalisierbaren Daten werden mit Informationen aus dem Facebook-Netzwerk verknüpft. Hier erfährt Atlas auch, mit welchen Kontakten man bevorzugt kommuniziert. Bei Online-Einkäufen in den Shops der Werbepartner werden zusätzlich noch mindestens folgende Daten ergänzt: Alter, Geschlecht oder Postleitzahl des Einkäufers. Je häufiger ein Facebook-Mitglied also Seiten besucht, die durch Atlas beworben werden, desto differenzierter wird das Profil. Es entsteht nach und nach ein digitales Abbild der realen Person im Netz, das ihrer Kontrolle vollkommen entzogen ist. Genau das ist gefährlich und widerspricht dem Grundrecht auf informelle Selbstbestimmung.
 
Was kann man tun?

Wer sich vor so viel Neugierde schützen will, muss vor dem 30. Januar handeln. Die sicherste, aber vermutlich auch die schmerzlichste Lösung besteht darin, sein Facebook-Profil zu löschen. Wer das nicht übers Herz bringt, sollte radikal alle persönlichen Angaben löschen, die sich löschen lassen: von Beziehungsstatus und Verwandtschaftsverhältnissen über Heimat- und aktuellen Wohnort bis hin zu Handynummern, Schulabschlüssen, oder Arbeitgebern.
Außerdem besteht die Möglichkeit, auf den Seiten der Network Advertising Initiative (NAI) oder der Digital Advertising Alliance (DAA) dem Atlas-Netzwerk seine Einwilligung zur Ausspähung per „opt-out“ zu entziehen. Beides sind Zusammenschlüsse von Werbetreibenden, die sich gewissen ethischen Richtlinien verpflichtet fühlen - Google und AOL gehören neben Facebook und Atlas beispielsweise auch dazu. Ein paar Englischkenntnisse sind nötig, aber der Vorgang ist einfach. Folgt man dem Link, durchsucht die geöffnete Seite den Browser nach Cookies oder ähnlichen Markierungen, die zur personenzentrierten Werbung nötig sind. Ist die Suche abgeschlossen, erscheint eine Liste der Firmen, die den jeweiligen Browser schon markiert haben. Per Häkchen kann man schließlich die unerwünschten Begleiter dann kennzeichnen und entfernen. Leider muss man diesen Vorgang nach jedem Browser Update und jedem Löschen der Cookies wiederholen, denn bei diesen Prozessen werden auch die schützenden Cookies gelöscht. Wer die Spione ausgeschaltet hat, sieht zwar noch weiterhin Werbung, diese fußt aber nicht mehr auf den Daten, die beim Surfen gewonnen wurden.

Donnerstag, 8. Januar 2015

Digitaler Selbstmord

Den Facebook-Account zu löschen, fühlt sich an wie Selbstmord.
Dabei sind das doch nur ein paar Bilder und Sprüche. Oder?
Ich habe es wirklich getan. Krass! Wahnsinn! War aber eigentlich ganz leicht. Vielleicht ein bischen wie Bungee. Es hat gekribbelt im Bauch und in den Fingern, der Puls ging einen Takt schneller, aber sonst ist gar nichts passiert. Dabei habe ich vorher tagelang mit mir gerungen und fieberhaft nach einer Hintertür gesucht, um diesen letzten, endgültigen Schritt zu vermeiden. Ich habe meine Arbeit, meinen Haushalt und meine Kinder - ja sogar meinen Ehemann - vernachlässigt, um belastbare Gründe zu finden, es nicht zu tun. Am Ende war das aber vergebens. Die Kiste war alternativlos. Ich habe meinen Facebook-Account gelöscht. 

Mit einem Klick war mein digitales Ich eliminiert und mit ihm der kurzweilige Kontakt zu 86 Freunden. Ich kannte alle persönlich - für die Natives: Ich bin diesen Leuten mehrmals analog begegnet, bevor es zu einer gezielten Freundschaftsanfrage auf Facebook kam. Klar - die anderen wie JenZz Oo oder El Ba gab es vorübergehend auch. Sie wurden aber schon zu einem weit früheren Zeitpunkt ins virtuelle Nirvana geschickt. 

Mein Account bestand seit Montag, dem 27. Oktober 2008 um 21:06 UTC+01. Das weiß ich so genau, weil ich mein Profil heruntergeladen habe und damit nun schwarz auf weiß die vielen Informationen überblicken kann, die ich Facebook ganz freiwillig überlassen habe. Angesichts dieser gespenstisch lückenlosen Dokumentation der letzten sechs Jahre beschleicht mich der Verdacht, dass ich schon viel früher hätte aussteigen sollen. Denn obwohl ich keine Intimitäten, Kinderfotos, Schmollmundbilder oder Urlaubsfotos gepostet habe, meinen Wohnsitz sowie Ausbildung etc. verschwieg, ergibt die Akte ein ziemlich exaktes Bild meiner Persönlichkeit. Und meiner Nutzungsgewohnheiten. Ich besitze jetzt eine vollständige Liste aller Logins und Logouts der letzten sechs Jahre, mit Datum, Uhrzeit, IP-Adresse, Browsertyp inklusive Versionskennung sowie der Bezeichnung des gesetzten Cookies. Das diese Informationen aufgezeichnet werden, war mir vorher schon klar. Ich habe es aber verdrängt. Warum eigentlich? Weil ich nicht aussteigen wollte. Ich wollte weiter mitmachen. Aber warum, wo es doch kein Geheimnis ist, dass die jedes Profil bis in die Chats durchleuchten und die ausgewerteten Daten lukrativ an ein Heer von Werbekunden verkaufen?

Zunächst ist die Sache ja sehr unterhaltsam. Man bekommt täglich eine lange Liste mit kurzweiligen Informationen frei Haus, die einem das Gefühl vermitteln, voll am Puls der Zeit zu sein, sich für trendige Sachen zu interessieren und auch selbst interessante Sachen zu machen. Selbst wenn man in der tiefsten Provinz lebt und Briefmarken sammelt. Es kommt eben nur auf die richtige Kameraperspektive an. Stimmt die, hat sogar ein neuer Maulwurfshügel einen gewissen Nachrichtenwert. Ich spreche da aus Erfahrung. Darüber hinaus kann man sich mit den zahllosen Newsfeeds ganz bequem über die neuesten Häkelmützen oder die brandaktuellen Geschehnisse in der Welt informieren. Selbstverständlich wählt man dazu die Medien, die einem am meisten liegen. Weil auch die Nachrichtenmacher Likes brauchen, posten selbst seriöse Medien wie die Zeit oder die Süddeutsche gerne solche Themen, über die man geteilter Meinung sein kann. Das ist man dann auch promt und schon geht's los: Fakten überlassen Meinungen das Feld und münden flugs in persönliche Beleidigungen. Immer. Eine recht frühe Erkenntnis bestand daher darin, dass Facebook nicht der richtige Ort ist, um sich zivilisiert in der Sache auseinanderzusetzen und andere Standpunkte zu respektieren. Hier herrscht Faustrecht. Meistens habe ich die Kommentare anderer gelesen und viel Zeit damit zugebracht, mich darüber zu ärgern. Nicht, weil sie meiner Meinung widersprechen, sondern weil sie beleidigend, meistens bar jeglichen Arguments dafür aber umso nachdrücklicher formuliert waren. Facebook bietet eine offene Bühne, die es jedem erlaubt, seine Selbst- und Weltwahrnehmung laufend zu bestätigen und Widerspruch hemmungslos niederzumachen. Ein virtueller Spiegel mit eingebautem Watschenaugust. Das ist doch was. Also ich fand's toll.

Aber warum habe ich mich dann gelöscht?

Es gibt zwei Gründe: Der Auslöser war die zum 30. Januar 2015 angekündigten Änderung der Datenschutzrichtlinien, die beinhalten, dass die Plattform mein Surfverhalten auch außerhalb Facebooks ausspäht, auswertet und die zusätzlichen Informationen zusammen mit meinen Profildaten an Werbetreibende verkauft. Wer sich ab dem 30. Januar einloggt, gibt dem Unternehmen automatisch die Erlaubnis dazu. Widerspruch ist nicht möglich. Juristen zweifeln die Rechtmäßigkeit des Vorgehens an. Aber das hilft nichts. Man kann die Datensammlung auch nicht mit ein paar Häkchen in den Privatsphäre-Einstellungen abstellen. Man kann dort nur verhindern, dass einem die Werbung tatsächlich angezeigt wird. Die Datensammlung findet trotzdem statt. Diese weitreichende Ausspähung meiner privaten oder beruflichen Webstreifzüge ist für mich inakzeptabel. Sie verstößt noch gröber als bisher gegen das Grundrecht auf informelle Selbstbestimmung, weil ich nicht mehr wissen und beeinflussen kann, wer wann welche Daten über mich hat und zu welchem Zweck er sie nutzt. Vielleicht fließen meine Musikvorlieben demnächst in ein Bonitätsscoring ein? Hard Rock, Independent und Metall sind da wahrscheinlich nicht von Vorteil. Wer mehr über die neuen AGBs wissen will, kann sich hier schlau machen. Facebook selber gibt natürlich auch Auskunft, lenkt aber mit beschönigenden Formulierungen wirkungsvoll von der ungeheuren Dreistigkeit des Unterfangens ab. Ich bevorzuge daher folgende Artikel: 

Der zweite Grund für die endgültige Vernichtung meines digitalen Selbst ist ein psychologischer. Er ist in seiner Wirkung durchaus mit kaltem Entzug vergleichbar. Ich setze mich dem aber aus, weil alle sanfteren Methoden versagt haben: Es wird eine große Leere und eine starke Verzweiflung über mich kommen, möglicherweise begleitet von körperlichen Erscheinungen wie einem unsteten Blick, fahrigen Wischbewegungen auf meinem Smartphone oder diffuser Unruhe. Vermutlich werde ich erst langsam wieder lernen müssen, meine Zeit mit sinnvollen Dingen zu füllen oder mich einem einzigen Thema länger als zwei Minuten zu widmen. Der Aufenthalt auf dieser Plattform übt einen immensen Sog aus, dem ich mich schlecht entziehen konnte. Zig mal am Tag ein prüfender Blick, ob es Neues gibt - gibt es immer. Wer hat wie auf meine Beiträge reagiert? - Keiner. Totaler Frust ist dann Programm, gefolgt von der rastlosen Suche nach spannenderen Sachen. Beim Blick in die Welt poppt ständig eine Idee auf, was ich als nächstes posten könnte. Geschieht nichts, stelle mich mit der Kamera auf die grüne Wiese und warte auf den nächsten Maulwurfshaufen. Dabei klicke ich mich durch kreative Bildergalerien und teile das. Ich ärgere mich über blöde Kommentare zu Zeitungsartikeln, rassistische Posts, gähne kräftig über das hundertste Reisefoto mit Strand, Cocktail und Plamen, vertue Zeit mit der Lektüre sehr vieler Artikel zu sehr vielen Themen und stelle am Ende des Tages verzweifelt fest, dass ich unglaublich unproduktiv war. Weil es ja soviel zu gucken gab. 

Diesen Zeitfresser bin ich jetzt also los. Ebenso wie das schleichende Gefühl, ständig manipuliert zu werden. Und zwar gerade durch den Newsstream der genau aus dem besteht, was ich selbst abonniert habe. Aber eben nur aus dem. Und ich sehe auch nur die Freunde, mit denen ich sowieso schon oft interagiere. Die anderen sind gewöhnlich verborgen. Die Algorithmen liefern mir das, womit sie auf der Grundlage meiner Daten glauben, mir eine Freude machen zu können. Wenn die Algorithmen glauben könnten. Tun sie aber nicht. Sie folgen blind simplen mathematischen Regeln.

Meinen Freunden werde ich wieder analog begegnen. Oder per SMS. Da liest wenigstens nur der BND mit und die NSA. Aber wehe, wenn die auch Werbung schalten. Dann steige ich aus!

Sonntag, 20. Juli 2014

Vorsicht Retrodesign II.

Ehrlich:
Nur das Foto sieht gut aus.
Es ist Sonntag. Ich finde, dass das den Beginn mit einem Bibelzitat rechtfertigt. Aus aktuellem Anlass mit diesem aus Epherser 6:
Ehre Vater und Mutter, das ist das erste Gebot, das Verheißung hat: auf daß dir's wohl gehe und du lange lebest auf Erden. Und ihr Väter, reizet eure Kinder nicht zum Zorn, sondern zieht sie auf in der Vermahnung zum HERRN.
Cool - oder? Naja. Ich will mal die Kirche im Dorf lassen. Ich beschränke mich auf den zweiten Teil - den mit den Vätern. Den ersten kennen wir ja zur Genüge. Die zweite Hälfte wird aber ganz gerne unter den Tisch fallen gelassen. Oder? Ich meine, die Wirkung der ganzen Geschichte mit den Füßen unter dem Tisch des Vaters und so wäre doch sofort verpufft, wenn er nachschieben würde "Und solange du deine Füße unter meinem Tisch hast, will ich dich auch nicht ärgern." Denn dann wäre ja sozusagen eine Beziehung auf Augenhöhe erreicht: Du respektierst mich und ich respektiere dich und wir achten einander und alles ist schick. Tolle Idee, oder? Nur irgendwie funktioniert die nicht richtig, weil fast immer eine Seite patzt. Ich meine jetzt keine bestimmte. 

Es mag ja eine natürliche Hierarchie in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern geben, die durchaus sinnvoll ist und der Brut in ihren ersten Jahren einen enormen Überlebensvorteil sichert. Es ist die Rolle der Eltern, ihre körperliche und kognitive Überlegenheit dazu einzusetzen, wichtigen von unwichtigen Anliegen zu unterscheiden, prinzipielle Grenzen zu ziehen, diese zu überwachen und nach und nach zu erweitern bis die lieben Kleinen die Konsequenzen ihrer Handlungen zumindest einigermaßen überblicken können und zu entsprechender Impulskontrolle fähig sind. Diese Überlegenheit ist anfangs da, legitim und wichtig. Später allerdings - so nach etwa 40 Jahren - sollte sich das irgendwo relativiert haben. Die meisten Kinder sind dann nämlich erwachsen. Dazu gehört ein großer Erfahrungsschatz, in vielen Fällen eine eigene Familie, ein eigener Haushalt und sogar so etwas wie ein eigener Geschmack. Der durchaus auch Qualität erkennt, beurteilen und schätzen kann. 

So, VÄTER. Jetzt seid ihr nämlich fällig. Und zwar sowas von. Und ihr MÜTTER, ONKEL, TANTEN, PATENONKEL, PATENTANTEN und überhaupt IHR ALLE, die ihr immer noch meint, uns überlegen zu sein und glaubt, uns mit eurem stinkigen, ramschigen Kellerschrott eine riesige Freude machen zu können - lasst euch gesagt sein: nur, weil wir immer noch popelige 30 Jahre jünger sind als ihr, sind wir keinesfalls ahnungslos. Und schon gar nicht in den Dingen, die uns gefallen. Wenn wir also heute Vorlieben pflegen, die euch vor Jahrzehnten auch schon umgetrieben haben, kramt bitte nicht in euren Kellern und spendiert uns großzügig die Reste von damals. Denn die meisten Sachen werden durch die Zeit nicht besser, sondern nur alt und muffig. Das gilt übrigens auch für Spirituosen. Ein alter billiger Whiskey wird durch 30 Jahre im Keller eben nur 30 Jahre älter. Dasselbe gilt für Pfeifentabake, die zusätzlich noch schimmeln. In dieselbe Reihe gehören Enzyklopädien von 1956, Marmeladen aus den 1980ern oder Oma Sonntags Geschirr. Ihr wisst Bescheid...

Also, ihr Altvorderen, lasst uns einen Deal machen: Wir ehren euch und ihr versucht im Gegenzug, euren Keller auf herkömmlichem Weg zu entrümpeln. Solltet ihr dort etwas von echtem Wert finden, verkauft es, macht eine großartige Reise und schickt uns wunderschöne Urlaubspostkarten. Die legen wir dann in unserem Erinnerunsschatz ab und freuen uns, dass ihr zu leben versteht.

Mittwoch, 16. Juli 2014

Neulich im Beethoven

Es gibt Situationen in Kneipen, da ist man - trotz der gebotenen Diskretion - schier gezwungen, die Unterhaltung wildfremder Leute Wort für Wort mit anzuhören. Ob man will oder nicht. Ob der Mundart ist das Verständnis in manchen Regionen gnädigerweise schwierig. Ich denke da unter anderem an Sachsen. In anderen Regionen dagegen, fällt die schützende Sprachbarriere weg und man ist den Veräußerungen seiner Mitmenschen schutzlos ausgeliefert. Zum Beispiel im Rheinland, wo die Stimmen tendenziell temperamentvoller sind, als anderswo. Oder durchdringender. Vielleicht ist der Rededruck auch höher und dadurch der Redeschwall lauter. Vielleicht liegt es einfach nur am geringen Abstand zwischen den Tischen. Jedenfalls ist es mir hier selten gelungen, eine Kneipe aufzusuchen und nicht im Detail mitzubekommen, was die Tischnachbarn gerade umtreibt. Ich habe mich schon oft gefragt, ob man die Gespräche nicht hier und da mit einem Rat oder einer neutralen Einschätzung bereichern könnte. Oder gar zu dröge Unterhaltungen mal mit einer persönlichen Anekdote beleben sollte. In dem einen oder anderen Fall wäre es sogar sinnvoll gewesen, sich direkt mit an den anderen Tisch zu setzen, weil die eigenen Gespräche in üblicher Zimmerlautstärke sowieso niedergebrüllt wurden.

Gestern allerdings ist mir tatsächlich ein Stück Literatur begegnet. Für Woody Allen wäre es zu derb und für Bukowski zu bürgerlich. Ein Paar sitzt sich in der hintersten Ecke der Wirtschaft gegenüber. Sie, blond mit Dutt, weißem Polohemd und dezent geschminkt, hat sich Gemüsequiche mit Salat und asiatisch anmutende Spieße bestellt. Er, aschblond mit schwarzrahmiger Statementbrille von Fielmann und angedeuteter Hipsterattitüde, vielleicht Bratkartoffeln mit Spiegelei. Man sieht den beiden ihre Missstimmung an. Sie schweigt über lange Strecken und er haut eine idiotische Phrase über Männer und Frauen nach der anderen raus. Mein erster Tipp: "Hmmm. Man sollte eben doch nicht über Internetplattformen daten, da kommt nur Mist bei raus." Ich wollte gerade dem Typen mitleidig auf die Schulter klopfen und ihm sagen, dass er an dieser Stelle nicht so gut ankommt und gerade sowohl seine eigene Zeit als auch die seiner offensichtlich angepissten Begleitung vertut, da schneide ich mit, dass die die Anbahnungsphase schon sehr lange überwunden haben und offenbar gerade eine emotionale Lehmkule ansteuern, um sich dort nach allen Regeln der Kunst mit Dreck zu bewerfen. Dabei übernimmt er - ganz männlich - die Führungsrolle und sagt ihr in einer Tour, warum genau sie ihm sein ganzes Leben versaut und ihre Mutter genau so ist wie sie. Sie hört sich das alles schweigend an. 

Ich warte die ganze Zeit auf ein Kamera-Team, das den beiden zuruft, sie hätten die Szene für die Daily jetzt im Kasten, danke den unfreiwilligen Statisten und man mache jetzt Feierabend. Die kommen aber nicht. Statt dessen geht es rund 90 Minuten hin und her. Die Perlen musste ich einfach festhalten.

Hier die stark gekürzte Wiedergabe des Paargespräches:

Sie: "Es geht einfach nicht an, dass du nach Hause kommst und die ganze Nacht fernsiehst. Ich kann dann nicht schlafen."


Er: "Du nervst voll. Ich habe einen voll stressigen Job. Ich habe den ganzen Tag Probleme. Wenn ich nach Hause komme, will ich mich entspannen."


Sie: "Zu Hause gibt es aber auch Probleme. Du hast zwei Jahre unsere Steuererklärung nicht gemacht."


Er: "Das war der Steuerberater schuld."
 

Sie: "Nein. Das warst du schuld. Du wolltest dich darum kümmern."
 

Er: "Ey - ich habe den ganzen Tag Probleme. Abends will ich meine Ruhe haben. So ist halt das Leben: Der Mann macht tagsüber einen anstrengenden Job, bringt die Kohle nach Hause und will dafür abends Happahappa auf dem Tisch haben. Wenn du mit mir über unsere Probleme sprechen willst, ruf mich auf der Arbeit an. Oder sag mir 'ne Zeit und ich mache einen Außentermin draus."
 

Ich: ...?! 

Sie: "Du bist voll behindert."
 

Er: "Bevor ich dich kennengelernt habe, war ich ein wirklich glücklicher Mensch. Ich war zufrieden. Bevor ich dich kannte, war ich glücklich."
 

Sie: "Ach - halt's Maul! Bevor wir uns kennengelernt haben, warst du jeden Tag besoffen."
 

Er: "Ich kann ja wieder anfangen zu saufen."
 

Sie: "Kellner! Ich würde gerne zahlen."

Mittwoch, 28. Mai 2014

Pop pop poppeldipoppeldipositiv positiv, nicht negativ

oder 
Über Engel und Dämonen

oder
Für Frau Müller!

 
Oh Mann! Jaaaaa! Lass' die Sonne rein! S-S-S-Sonne rein! Sonne rein!

 Könnt Ihr euch eigentlich auch noch an diesen unglaublich positiven Song der Fantastischen Vier erinnern? Ja? War das der Soundtrack zu eurem Abi, zum ersten Semester, zur Zivi-Zeit? Cool! Dann gehört ihr zu meiner Generation, also den Älteren. Diejenigen, die zumindest damals in der Lage waren, dem Highspeed-Text akkustisch UND semantisch zu folgen, konnten daraus unglaublich wertvolle Impulse für das eigene Leben bekommen. Doch - echt jetzt: Geld nicht überzubewerten, die Meinung anderer Leute eher unterzubewerten und sich selbst grundsätzlich zu mögen. So wie man ist. Und was Cooles draus zu machen. Auch wenn man diese Botschaften nicht jedes Mal wirklich mitgeschnitten hat, ist eins immer geblieben: Gute Laune. Wer sich nicht mehr so richtig erinnern kann, sollte sich das Lied nochmal anhören. Und dazu, was Smudo & Co. mit Engeln und Dämonen zu schaffen haben, komme ich später.

Wie ich auf das Lied gekommen bin? Ganz einfach: Bei dem aktuellen Wetter sind positive Gedanken GANZGANZ wichtig, um nicht depressiv zu werden. Aber nicht nur bei diesem Wetter. Sondern im Leben allgemein. Denn da kann es von Zeit zu Zeit auch ganz schön pissen. Braucht gar keinen akuten Anlass. Eigentlich reicht es ja schon, sich sein Leben anzugucken und es mit den Träumen von einst zu vergleichen. Also, ich weiß nicht, wie das bei euch so ist, aber für mich birgt das immer größtes Unwetterpotenzial. Der Soll-Ist-Vergleich zwischen dem Plan und gelebter Wirklichkeit sieht immer Scheiße aus bietet da und dort Optimierungspotenzial.

Zum Beispiel bin ich nicht König geworden. Das war eine Zeit lang wirklich mein absoluter Traumberuf. Immer mit schicken Klamotten in Kameras lächeln, unglaublich viele Leute an interessanten Orten treffen und hübsch wohnen, ohne sich darum kümmern zu müssen. Und wenn mal was nicht klappt, jemand anderem die Schuld dafür geben. Toll! Leider passte ich nicht in die Erbfolge. Ein Sachverhalt, an dem man nichts ändern kann und an dem keiner Schuld hat. Schade. Aber gut. Denn damit konnte ich die Sache auch in Würde begraben.

Ganz anders ist das mit den Dingen, die einem wirklich am Herzen liegen und aus denen bis heute nichts geworden ist. Ideen, die man mal hatte. Wünsche, etwas Außergewöhnliches zu tun. Ich meine jetzt nicht Ideen wie "Oh, heute gehe ich mal in Flipflops arbeiten" oder "Ich wünschte, es wäre Freitag". Die sind auch nett, aber bedeutungslos. Ich meine die Ideen und Wünsche, die das Potenzial haben, ein Leben zu verändern, ihm eine ganz andere Richtung zu geben. 

Stark, oder?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass jeder mal eine Idee, einen Traum oder ein Projekt hatte, von dem er begeistert war, das ihn gedanklich Tag und Nacht beschäftigt hat und das bestimmt auch gut war. Jedenfalls Irgendwie. Erinnert ihr euch an eures? Ja? Na bitte! Denkt noch mal ganz fest daran - an dieses unglaublich beflügelnde Gefühl, etwas wirklich Aufregendes zu tun, bei dem das Herz schneller schlägt und man fühlt, dass das Leben gut ist: die Welt zu umrunden, zum Südpol zu reisen und dort den Sommer zu verbringen. Mit einem Kanu den Amazonas entlang zu paddeln, ohne von Tieren gefressen zu werden. Einen Film zu drehen, ein eigenes Modelabel zu gründen, einen Frisör-Salon zu eröffnen und ihm einen total kreativen Namen zu verpassen, ins Guinnes-Buch der Rekorde zu kommen. Eine Familie mit zehn Kindern zu gründen oder mit dem Marmeladenrezept der Großmutter ein Vermögen zu machen. 

Leider hat man aber nichts davon gemacht. Also ich jedenfalls nicht.

Warum eigentlich nicht? Weil es wichtigere Dinge gab: Die Schule/Ausbildung/Uni zu Ende machen, zum Beispiel. Dann musste man erst mal im Beruf Fuß fassen und sich beweisen. Der ganze Kram halt. Das andere musste warten.

Oder?

Klar - es gibt diese beschissenen Sachzwänge. Das ist richtig. Man muss essen, wohnen, schlafen, für die Brut sorgen. Das alles kostet Nerven und Geld. Letzeres muss sollte man verdienen. Also arbeiten. Aber dennoch bleibt immer ein Entscheidungsspielraum, in dem man sich aktiv und tatsächlich für oder gegen einen Traum entscheiden kann. In. Jedem. Moment. Des. Lebens. Ich habe das bisher nicht gemacht. Nicht, weil ich keine guten Ideen hatte. Davon hatte ich schon Millionen. Fragt dazu mal Herrn Zumbrechenflexibel. Der wird euch vor eine virtuelle Regalwand mit meinen "total spannenden Projekten" stellen und gähnend sagen, ihr könntet euch eins aussuchen und mitnehmen, es seien ja genug da. Keins davon habe ich jemals auch nur angefangen. Weil keine Zeit, weil zu groß, weil dann auch schon wieder out. Nein. Nicht wirklich. Eigentlich weil ich Schiss hatte.
 
Warum? Und jetzt kommt die Sache mit den Engeln und Dämonen. Spannend, oder? Nennen wir sie vereinfachend "in der Regel unsichtbare Schicksalsmächte", die das Leben der Menschen in eine gute oder schlechte Bahn lenken, segnen oder verfluchen, beistehen oder töten. Ob es die jetzt tatsächlich gibt, sei dahingestellt. Die beschriebene Wirkung aber ist real. Und zwar durch das gesprochene Wort anderer Menschen. Das ist so ungemein kraftvoll, dass es mit einem Satz Projekte töten kann. Das muss noch nicht einmal so eine klare Ansage sein wie "Nee - lass das mal lieber. Du kannst eh' nichts und das Projekt ist voll idiotisch. Werde besser Buchhalter". Es reicht schon, ganz vernünftig auf die bekannten Risiken hinzuweisen. "Einkommenseinbußen", "Rentenlücke", "krummer Lebenslauf" sind da vollkommen ausreichend. Oder Hinweise auf die schlechten Erfolgsaussichten, bereits bestehende ähnliche Projekte, die große Konkurrenz, die grausamen Spielregeln im "Haifischbecken", in dem nur die Härtesten überleben, sind auch gut oder die ganz offen formulierte Frage, ob man sich das denn auch wirklich gründlich überlegt habe und sich das zutraue. Soviel zum Fluch.

Jetzt mal zum Segen - und das spannt den Bogen zurück zu den Fanta 4: Es ist genauso so leicht, mit ehrlich gemeinten, guten Worten, Dinge ins Leben zu heben. Indem man das Gute sieht und anspricht. Bei anderen und sich selbst. Oder mal einfach ein Kompliment macht, wenn einem jemand begegnet, der es verdient hat - für ein außergewöhnliches Outfit, schönes Auto, schräges Hobby, cooles Fahrrad, lange Haare, witzige Wortwahl, gute Arbeit, freundliche Ansprache, Mitgefühl zur rechten Zeit, Zeit zur Unzeit, eine Blume am Lenkrad in einer sonst öden Umgebung. Das tut so gut - beiden - und kostet gar nichts.

So. Und jetzt: Das Lied.

Lass' die Sonne rein

Samstag, 17. Mai 2014

Kääääääährwoch...

Es gibt fundamentale Einsichten, die bleiben dem Großstädter leider komplett verschlossen. Also zumindest denen außerhalb Baden-Württembergs. Für die wirklich tiefgreifenden Erkenntnisse des Menschen und seiner Psychologie muss man einfach in die Provinz, weil es nur dort die notwendigen Rahmenbedingungen gibt. Soziale Kontrolle zum Beispiel, die allein dadurch entsteht, dass man sich kennt und sich obendrein noch ständig begegnet. Schon das wäre in Städten wie Hamburg oder Berlin vollkommen undenkbar. Hier dagegen ist das normal. Man achtet eben aufeinander und nimmt regen Anteil am Leben der Anderen, kümmert sich. Das schließt Rücksichtnahme auf die Empfindungen seiner Mitmenschen natürlich ein. Zum Beispiel, indem man seine FREIZEIT dafür opfert, um das Trottoir fein sauber zu halten. Verstehe ich im Herbst, wenn hinterfotziges, nasses Laub die Gebrechlichen niedermäht oder Schnee und Eis dasselbe mit allen anderen tut. Verstehe ich nicht zu allen anderen Zeiten. Seien wir doch mal ganz ehrlich und pragmatisch: Was kümmert mich der Gehweg vor meinem Haus? Den sehe ich etwa zweimal am Tag und nehme ihn dann noch nicht mal richtig wahr. Außerdem machen die Hunde da Pippi. "Das sieht aber doch viel einladender aus, wenn es schon draußen so schön sauber ist - wie eine Art Visitenkarte", könnte man einwenden. Wäre das bei uns so, würden Besucher, die sich darauf verlassen haben, spätestens im Entree ihr blaues Wunder erleben und schleunigst die Flucht ergreifen. Gehweg fegen - soweit kommt's noch! Da kann ich ja gleich den Keller wischen und die Lichtschächte putzen. Die Schwaben haben da einen Begriff für, der mich Zeit meines Lebens gleichzeitig in ungläubiges Staunen versetzt und massive Fluchtreflexe ausgelöst hat - ihr wisst schon, welchen ich meine, oder? Klar - die Käährwoch. Kehrwoche. Eine Tradition, die selbst ignorante Zugezogene turnusmäßig dazu zwingt, sich in Jogginghose und Latschen zu schmeißen, um in großem Stil außer Haus den Besen zu schwingen. Wer kneift, bekommt Besuch. Und zwar einen, der die Regeln kennt und sie dem Unwissenden gerne in aller Eindringlichkeit nochmals persönlich erklärt. Diese in breiten Teilen der Bevölkerung akzeptierte Ordnungsgängelung war für mich immer ein maßgeblicher Grund, niemals einen Fuß in diese Region zu setzen. Zumindest nicht als Bewohner. "Das ist jetzt aber kleinlich, total ignorant - was spricht denn dagegen, sich mal fremden Kulturen und Gebräuchen zu öffnen?" "Nichts. Es spricht aber auch nichts dafür. Also nicht in diesem Fall und nicht für mich." Um es kurz zu machen: Die Rituale der Kehrwoche waren mir immer ein großes Mysterium. Was, um alles in der Welt, treibt Leute dazu, sich zum Zeitvertreib gegenseitig mit dem Besen um den Block zu jagen, denselben zu säubern und Pflanzen aus den Ritzen der Gehwegplatten zu popeln, die allein schon für das ambitionierte Vorhaben, die exakten Formsteine zu durchdringen, einen Orden verdient hätten. Wäre in Berlin vollkommen undenkbar. Wer sich in Kreuzberg auf dem Trottoir anschickt, die Pflanzen aus den Fugen zu zerren, bekommt wahrscheinlich sofort Ärger mit dem Gartenamt oder wird von irgendwelchen Frutariern gebläut, die Gewalt gegen Pflanzen verteufeln. Fegen ist da wegen der Hundehaufen sowieso undenkbar, es sei denn, man will dem Bürgersteig mal einen neuen Anstrich verpassen. Heute hat sich mein Blick auf die Dinge geändert. Weil ich sie verstanden habe. Ich bin sozusagen in sie eingetaucht und habe sie bis ins Letzte durchdrungen. Ich habe nämlich heute selbst unser Trottoir gefegt, die Pflanzen entfernt und alles schön sauber gemacht. Aber WARUM??? Ganz einfach: Weil die Nachbarn die Straße hoch das auch gemacht haben. Heute Vormittag. Bis gestern sah es überall gleich aus: ein bisschen zerbröseltes Laub auf etwa 1,5 Metern Breite, das sich gerne an den Füßen gigantischer Löwenzahnpflanzen sammelt und dort in Verbindung mit ein bisschen Hundepippi vor sich hin gammelt. Dann haben die Straßeaufwärts'ns das Zeug penibel weg geputzt. Ergebnis: Bei uns sah es scheiße aus. Naja. Und bei den Nachbarn Straße abwärts. Da hat es mich gepackt: Nachdem wir schon den ganzen Herbst, Winter und das halbe Frühjahr die rote Müll-Laterne hatten, wollte ich sie jetzt an unsere Nachbarn weiterreichen. Und habe es schön gemacht. Das ist der ganze Trick: Ein Streber fängt an und alle anderen ziehen nach, um nicht als Saubande dazustehen. Und die, die es diesmal nicht geschnallt haben, sind nächstes Mal die Ersten. Ganz sicher. Außerdem hat das Fegen etwas Meditatives, man kommt so in den Flow. Und denkt nach. Und erkennt Dinge, die anderen verborgen bleiben. Fragt mal Beppo den Straßenfeger.

Donnerstag, 13. März 2014

102.800 verlorene Möglichkeiten

Verlorene Möglichkeiten 2013
Heute hat mich eine Zahl des statistischen Bundesamtes mal brutal von hinten erwischt. Ich war eh schlecht drauf, deswegen war der Impact besonders tief. Passt. Wie auch immer. 

Wer jetzt noch gut drauf ist, sollte mal besser weglesen. 

Denn die Zahl des Tages heißt 
102.800 Abtreibungen in Deutschland im Jahr 2013. 

Man muss sich ausmalen was das konkret bedeutet: Zum Beispiel, dass fast ganz Moers im vergangenen Jahr ausgelöscht worden ist. Ich meine - nicht, dass ich irgendetwas gegen Moers hätte. Soll ja zuweilen ganz gute Jazz Musik da geben. Ich hätte auch Hildesheim, Cottbus oder Kaiserslautern sagen können. Das sind alles "Großstädte" mit etwas mehr als 100.000 Einwohnern. Ich erlaube mir kein Urteil darüber, ob diese Städte ein Existenzrecht haben oder nicht - ist bestimmt auch irgendwie total schön da - aber eine von denen musste letztes Jahr evakuiert werden. Also entleert. Dauerhaft. Naja - die Leute da sollen sich mal nicht beschweren, denn die hatten ja sicher schon ein paar tolle Jahre - so mit Frühling, Sonne, Flipflops, Eis und Ferien. 

Oder eine andere Rechnung: "Unsere" Schule hat 240 Schüler. Mit den in der Potenz verbliebenen Kindern könnte man die 428 mal füllen. Die Füllung von 428 Grundschulen wurde abgesaugt. Oder rund 2.284 mal "unser" Kindergarten. Ist doch prima - die knapp 23.000 Erzieher und 10.700 Grundschullehrer können dann in der Altenpflege arbeiten. Da werden sie sowieso dringend gebraucht und das Persönlichkeitsprofil der zu Betreuenden ist ähnlich...

Ich werde unendlich traurig, wenn ich an all die kleinen Menschen denke, die nicht einmal anfangen durften und schon lange vor dem PEKiP aussortiert worden sind und zwar nicht, weil der Kurs voll war, sondern weil sie irgendwie gerade nicht is Konzept gepasst haben. "War gerade irgendwie ungünstig/eine Katastrophe/nicht mein Typ". Weiß man ja vorher nie. Vielleicht wäre es doch "günstig" oder ein Glücksfall geworden? Irgendwie?? Wer kann schon sagen, wer das mal geworden wäre - ein cooler Typ mit 'ner E-Gitarre, eine Künstlerin, eine Schlagzeugerin, Tänzerinnen, Pferdenarren, Tierliebhaber, WissenschaftlerInnen, vielleicht Fußballer, Lehrer oder vollkommen talentfreie Menschen, die sich am Feierabend gerne mal aufs Sofa setzen und Sportschau gucken. Vorher wären das Kinder gewesen, die sich für Cars, Rapunzel oder Elfen-Comics begeistern. Die Glitzer lieben, voll auf Dinos, Lutscher oder Holzeisenbahnen abfahren. Die einem die Welt auf so unnachahmliche Weise erklären, dass man einfach daran glauben muss. Aber trotzdem froh ist, wenn man nach 20 Uhr wieder die Deutungshoheit besitzt. Die so unglaublich zornig und glücklich sein können, dass man selbst immer noch eine gehörige Portion davon abbekommt. Die unendlich kostbar sind, allein, weil sie da sind.

Es ist soviel perfektes Leben, das da so endgültig verloren geht und was keine Lobby hat.

Nur vier Prozent der Abtreibungen waren medizinisch indiziert - die Schwangerschaften von Vergewaltigern sind da mit hineingerechnet. Knapp drei Viertel der Frauen (74 Prozent) waren zwischen 18 und 34 Jahre alt. 15 Prozent zwischen 35 und 39 Jahre, 8 Prozent über vierzig. 

Ach so - und hier der Link.