Montag, 19. August 2013

Countdown: Sieben

Blind für die schönen Seiten seiner
Stadt, wenn man sie immer vor
Augen hat? Völlig undenkbar!
Vor langer, langer Zeit war ich mal in Rom. Ich bin wie auf Droge von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten getaumelt, immer mit vollkommen verstrahltem Blick - und konnte es gar nicht fassen, dass die total doofen Römer bei der Busfahrt auf der Via dei Fori Imperiali vorbei an Forum Romanum und Kolosseum ihr Äquivalent der Bildzeitung gelesen haben und nicht beim Anblick jedes antiken Steinhaufens in frenetischen Jubel ausgebrochen sind. OK. Bin ich auch nicht. Jaaahaaa! Aber ich habe ja auch kein mediterranes Temperament. Bin eine kaltblütige Nordeuropäerin mit eher zurückhaltenden Begeisterungsbekundungen. Wenn überhaupt. Kurz: Ich verhalte mich im Süden ganz und gar erwartungsgemäß: sachlich, besonnen und vollkommen humorlos. Auf weiße Socken und Sandalen verzichte ich aber. Soviel Individualität muss sein.

Naja. Ich wollte aber über die ignoranten Römer sprechen. Leben in der großartigsten Stadt der Welt, stehen an Monumenten aus der Römerzeit und warten gähnend auf den Bus. Oder brüllen in ihr Handy. Oder machen sonst irgendwas total Triviales, was sie auch in Deutschland erledigen könnten. Ich habe mich damals gefragt, wie die Römer - also die heutigen - so mit den Sehenswürdigkeiten ihrer Stadt umgehen. Ob die zum Beispiel wann immer sich die Gelegenheit bietet, mal in die Vatikanischen Museen gehen. Oder sich immer neue Perspektiven des Kolosseums erschließen. Oder ob sie sich jedes Wochenende ein anderes Monument vornehmen, um es eingehend zu studieren. Oder ob sie einfach nach Feierabend die Rollos runterlassen, sich 'n Bier holen und die Glotze anschmeißen.

Große Fragen. Damals. Heute kenne ich die Antwort. Denn ich habe in unserer Metropole gewohnt und mich ähnlich ignorant verhalten wie die Römer Italiens. Wahrscheinlich hat jeder Berlin-Tourist an einem Wochenende mehr Block-Buster gesehen als ich in knapp sechs Jahren. Die größten Versäumnisse auf meiner Liste der 100 Sehenswürdigkeiten Berlins, die man vor seinem Tod gesehen haben sollte, sind: 
  1. Reichstag von innen und oben
  2. Gedächtniskirche von innen
  3. Fernsehturm von oben
  4. Checkpoint Charlie
  5. eine echte Currywurst
Könnte schlimmer sein. Jetzt erstmal Zeitung lesen. Alles so schön bunt hier...

Sonntag, 18. August 2013

Countdown: Acht

Abschiedsparty gefeiert, Hände geschüttelt - viele davon - und auch der letze Rest vom Fest ausgekehrt. Jetzt könnte es eigentlich losgehen. Alles eingestielt, von allen verabschiedet, mit allem irgendwie durch und jetzt: LOS! Denkste. Erst in acht Tagen. Bis dahin: Luft anhalten.

Es ist zum verrückt werden. Acht Tage vor dem Abflug tut hier alles so, als würde sich nie etwas ändern. Eingerastet auf der Murmeltierspur. Herr Zumbrechenflexibel verlässt wie immer sonntags um 16.48 Uhr das Haus, ein Disney-Film geht auf Sendung, später das übliche Abendprogramm. Mit einem vollkommen ausgeruhten Kind Nr.2. Feierabend erst gegen 22 Uhr. Noch fünf Abende in Eigenregie, dann ist's geschafft.

Ich werde das Gefühl nicht los, als hätte ich etwas Elementares vergessen. Einfach übersehen. Ich habe ständig das Gefühl, von hinten beobachtet zu werden. Von meinem eigenen Unterbewusstsein. Was? Paranoid? Nein. Auf gar keinen Fall! Das Unterbewusstsein sendet laufend SOS, weil ihm offenbar alleine die existenziell wichtigen Fakten bekannt sind.

Im Traum spielen sich deswegen Szenen wie die folgende ab: Das Haus ist leer, alle Kisten gepackt verladen und durch die Republik gekarrt. Dort treffen wir die Spediteure am Straßenrand, Warnblinke aktiviert und uns zu sich heranwinkend. Sie halten die Auftragspapiere in den Händen und suchen etwas. "Haloo, gut, dass Sie da sind." Ich: "Ja. Was gibt's denn?" "Naja. Nur 'ne Kleinigkeit. Hier in den Papieren steht gar nicht drin, wo wir ausladen sollen. Wo genau soll's denn hingehen?" "Wie jetzt?" Die Stimme bewegt sich mit der ganzen Szenerie irgendwo an den Horizont der Wahrnehmung. Dazu tunnelt's. Die Knie werden weich, denn langsam aber sicher sickert die Erkenntnis durch, dass wir keine Adresse angegeben haben, weil es keine gibt. Wir haben vergessen, dass wir irgendwo wohnen müssen. Verdammt. Wie konnte das nur passieren?! Oder beim Blick in den Fond stellen wir fest, dass die Kinder noch in Berlin sind. "Ah! DESWEGEN war die Fahrt also so ruhig..."

Die möglichen Szenarien sind so vielfältig wie bedrohlich. Aber sooft ich die Listen auch durchgehe, es ist nichts zu finden, was auch nur entfernt diesen Durchschlag hätte.

Nochmal: Kinder in Stadt B untergebracht, Haus gesichert, Mobilität und Kommunikationseinrichtung installiert, Eigenheim veräußert, Spedition gebrieft UND beauftragt. Für Entrümpelung gesorgt. Letzten Friseurtermin gemacht. Fehlt da nicht noch was? Also was von Bedeutung?

Nee.

An Pupskram diese Woche noch zu erledigen:
  • Müllabfuhr abbestellen
  • Wasser, Strom und Gas kündigen 
  • Gebäudeversicherung kündigen
  • Nachsendeauftrag stellen
  • Sprachlerntagebuch von Kind Nr.2 aus der Kita mitnehmen
  • erste Schulaufgabe zu Schule B schicken
  • individuell gefertigte Schultüte bestellen
  • Hausübergabe eintüten
  • einatmen
  • ausatmen
  • Koffer packen
  • tanken
  • Schlüssel hinterlegen
FERTIG.

Ganz einfach.

Oder???

Samstag, 17. August 2013

Countdown: Neun

Lauer Sommerabend 2009 als am Tacheles noch anderes stattfand als Straßenstrich. Oder so.
Heute startet der Countdown. 
Noch neun Tage Berlin. 

Zeit, Bilanz zu ziehen. 

Heute: Die Bezirke, in denen wir in den letzten sechs Jahren (knapp) - etwa 2.100 Tage gewesen sind. Das sind überraschend viele, nämlich 30. Der Schwerpunkt liegt eindeutig Nordwesten, gefolgt vom gesamten Westen. Der äußerste Osten ist kaum vertreten. Der Nordosten bleibt weiß.
 

ALT TEGEL
Borsigwalde
Charlottenburg
Dahlem
Friedrichshain
Frohnau
HEILIGENSEE
Hermsdorf
Konradshöhe
Köpenik
Kreuzberg
Lichterfelde West & Ost
Lübars
Marzahn
Mitte
Neukölln
Pankow
Prenzlauer Berg
Reinickendorf
Schöneberg
Spandau
Steglitz
Tempelhof
Tiergarten
Treptow
Waidmannslust
Wedding
Westend
Wilmersdorf
Wittenau

Mittwoch, 14. August 2013

Virtuell wird analog

OK. Darf ich? Bitte?? Und fragt mich
nicht, was das Bild mit dem Text
zu tun hat. Weiß ich auch nicht.
Was wirklich toll ist: Wenn Pläne funktionieren. Meistens merkt man das leider gar nicht. Denn reibungslose Abläufe fallen aus dem Wahrnehmungsraster. Registriert werden nur die Störungen. Oder hat bei der Deutschen Bahn schon einmal jemand die Reisen gezählt, bei denen alles ok war? Also bei denen der Zug pünktlich kam, der Kaffee heiß und der Sitznachbar nicht doof war? Herr Zumbrechenflexibel darf an dieser Stelle schweigen, denn durch die rund 500 Stunden, die er mittlerweile in Zügen verbracht hat, dürften schon die hochfrequenten "englischen" Durchsagen ("Senk juh foa tschuhsing Deutsche Bahn thudäi!") des Zugpersonals als schwerwiegende Panne erlebt werden.

Also: Pläne, die funktionieren, entgehen meistens der Dokumentation, weil es eben auch keine Reibungspunkte gibt, die Aufmerksamkeit fordern. Das heißt: das Gute flutscht einfach durch den Filter, weil es nicht stört. Blöd, oder? Wer weiß, was mir im Leben schon alles geglückt ist und ich hat es schlicht verpasst? Schreckliche Vorstellung. Ich kann mich ja auch nicht daran erinnern... Da hätte ich mir am laufenden Band auf die Schulter klopfen und mich großartig fühlen können, aber hab's verpasst. Mist.

Ich wäre nur fast auch in diese Falle getappt. FAST. ABER ich habe heute einfach mal ein paar Wochen zurück geblättert und festgestellt, dass alles einfach grandios geklappt hat und wir uns jetzt tatsächlich auf der Zielgeraden bewegen. Heute in zwei Wochen werden unsere Sachen im Rheinland ausgeladen und montiert sowie wir dort sein. Der Weg bis hier war wider Erwarten ein Spaziergang, weil ALLES REIBUNGSLOS FUNKTIONIERT HAT.

1. Kind Nr. 1 wird in NRW und nicht in Berlin und damit drei Wochen später als hier eingeschult.
2. Kind Nr. 1 kommt auf eine offene Ganztagsschule und ist damit auch nachmittags bestens aufgehoben.
3. Kind Nr. 2 kommt in eine aufgeräumte Kita mit klarem pädagogischem Konzept und drei Ziegen.
4. Familie Zumbrechenflexibel bezieht ein großzügiges Domizil aus den 1930ern mit Gästelounge, funktionstüchtigem Luftschutzkeller und heizbarer Blockhütte mit Grillplatz.
5. Gegenüber befindet sich die Nervenheilanstalt - gut, weil kurze Wege.
6. Das Berliner Haus ist zum Wunschpreis verkauft.
7. Nur noch sechs Abende Strohwitwendasein.
8. Entrümpelung Restrukturierung des Inventars geht zügig voran.
9. Kind Nr. 2 findet es mittlerweile total cool, "ins Gras zu pinkeln" und braucht Windeln zur noch in Teilzeit.



Alles, was vor sieben Wochen also noch als wünschenswerte Möglichkeit im Raum stand, ist jetzt gute Realität. Virtuell wird analog. Konzeptionell/theoretisch zu verdammt konkret. ZU konkret. Da sickert so langsam durch, was schon seit WOCHEN Thema ist. Ende eines Lebensabschnitts, Shift zum nächsten. Einfach so. Weil es sein muss und die Weichen entsprechend gestellt sind. Bisher dachte ich, dass die im Faktischen verhaftete Wahrnehmung digital arbeitet. Das, was ist, wird prozessiert, der Rest abserviert. Null oder eins - keine halben Sachen. Schön wär’s. 

Tatsächlich stellt sich jetzt heraus, dass die Wahrnehmung doch nicht so doof ist, wie ich dachte. Dass sie schon mitschneidet, dass jetzt die Tschüss-Wochen angefangen haben. So echt. Dass bei bestimmten Leuten/Orten/Terminen ein Wiedersehen in Berlin einfach nicht mehr stattfinden wird. Ganz einfach. So habe ich zum Beispiel heute wirklich zum letzten Mal den gelben Sack rausgehängt. Gestern war Müll und davor Bio dran. Wenn die das nächste Mal kommen, sind wir weg und unser Nachbar kann solange am Fenster stehen und feixen wie er will. Ich werde es NIE MEHR VERPASSEN, den Müll rauszustellen. Oder beim Frisör. Oder bei der Post, der einen Tankstelle, der Mall, dem Spielplatz am See, dem Pavillon… 

Mann, ist DAS anstrengend. 

Aber wie gut, dass das gerade mein einziges Problem ist.

Ich werde mir jetzt mal ausgiebig auf die Schulter klopfen. Macht ja sonst keiner. 

Freitag, 9. August 2013

Totale Überwachung? Gibt's doch gar nicht...

Liebe Online-Werbung-Schaffende - ach nee!
Liebe Algorithmen, Cookies und Programmierer,

ich danke euch ganz herzlich für die permanente und überall eingearbeitete Empfehlung, welchen Schulranzen ich für mein Kind Nr.1 anschaffen soll. Das ist wirklich total lieb von euch. Ich finde das Modell "Easy II" ganz groß und auch die Designs "Paradise", "Lovely Cat" und "Einhorn" sind echt so richtig weit vorne, aber ihr habt was Entscheidendes nicht mitgeschnitten: Der Drops ist gelutscht. Der Ranzen ist schon gekauft und zwar ein vollkommen anderes Modell. Schwamm drüber. Ihr könnt jetzt jedenfalls zu wem anders gehen und dem die Ranzen zeigen. Vielleicht habt ihr ja da mehr Glück.

Ich bin jedenfalls beruhigt, dass ihr doch noch nicht alles wisst. Zumindest die Farbe nicht. Und beim Modell liegt ihr auch sowas von daneben. HA! Von wegen "Totale Überwachung"! Nixkönner seid ihr. ALLE!!!

So. Schatz - pack die Koffer, ich nehme die Kinder. Wir müssen mal für 'ne Weile untertauchen!


Mittwoch, 7. August 2013

Sechs Sätze, die alle Eltern kennen sollten

Die Eltern von heute sind total doof. Echt. Das wissen alle. Und am besten die Eltern von gestern. Wir Heutigen scheitern auf breiter Front, wenn es darum geht, die Brut sauber, gehorsam und leise zu halten. Dabei sehen wir selbst aus wie die letzten Hänger, lassen unseren Haushalt verkommen und machen grundsätzlich sowieso alles falsch. Und zwar SO falsch, dass man uns jederzeit darauf hinweisen darf. Mit Nachdruck. Dabei braucht man auch die grundlegenden Regeln der Höflichkeit nicht einzuhalten.

Ich weiß nicht, wie oft ich im Vorbeigehen von wildfremden Leuten auf meinen partiellen oder Totalausfall als Elternteil hingewiesen worden bin. "Also so'n Kleid bei DEN Temperaturen - das hätte es bei UNS ja nicht gegeben." Oder bei 30 Grad im Schatten: "Zieh'n Sie dem Kind doch mal was an, das holt sich in dem Hemd doch den Tod!" Oder hoch fieberndes Kind Nr.1 sitzt im Kinderwagen, man ist auf dem Weg zum Arzt: "Na, meinen Sie nicht, dass die schon alt genug ist, um selber zu laufen!?" Oder von VOLLKOMMEN FREMDEN als "MUTTI" angeredet zu werden.

Sich in diesen Situationen auf spontane UND geistreiche Antworten zu verlassen, ist eine schlechte Strategie. Denn während man noch nach Luft schnappt, ist das Gegenüber längst weg. Weil das doof ist, habe ich mir für die fünf Standardsituationen Sätze zurechtgelegt, die ich dann trotz X geschmeidig raushauen kann, um die eben überranten Grenzen wieder zu befestigen, ohne wirklich beleidigend zu werden.
  1. Ungefragte Einschätzung des kindlichen/elterlichen Verhaltens:
    Wie gut, dass Ihre Meinung hier gerade überhaupt nicht gefragt ist.
  2. Feststellung eines Trotzanfalls "Na - da hat wohl jemand einen kleinen Bock?"
    Sehr gut beobachtet. Aber gucken Sie sich erst mal das Kind an!
  3. Feststellung des elterlichen Versagens beim Trotzanfall:
    Wie gut, dass Sie so erfahren/kompetent sind. Dann können Sie mir sicher kurz zeigen, wie diese Situation zu meistern ist.
  4. Pöbelei an der Kasse:
    Wenn Ihnen das hier zu lange dauert, können Sie mir ja beim einpacken helfen.
     
  5. Mit dem Kinderwagen vor der stehenden Rolltreppe:
    Entschuldigung, könnten Sie mir bitte mit meiner Handtasche behilflich sein? Ich trage in der Zeit den Kinderwagen.
  6. Von wildfremden Personen als "MUTTI" angesprochen werden:
    Damit hier eins klar ist: Mich sprechen nur zwei Personen mit Mutti an - und die sind beide höchstens Jahrgang 2007 und unter 'nem Meter Fünfzig.
Ich verspreche euch: Wenn man die vom Stapel gelassen hat, steigt man grinsend aus dem Ring.

Montag, 5. August 2013

Schrott im Set

Eigentlich wollte ich mich heute Abend entspannen, ausnahmsweise mal nix machen und mich über unverbindliche Internetrecherchen zum Thema "Schulranzen" ganz allmählich dem Schuleintritt von Kind Nr.1 nähern. Also rein mental. Denn ich habe dafür noch SO. VIEL. ZEIT. Eine halbe Ewigkeit. Ganz anders als die Berliner Kinder und ihre Eltern. HA! Die treten dem Ernst des Lebens ja schon kommenden Sonnabend Samstag gegegenüber. MEIN Kind dagegen hat noch einen ganzen Monat Ferien. Ist doch super. Und ich auch. Kind Nr.2 ist bis zum Abflug bestens hier im Kindergarten untergebracht, also lässt sich das mit dem Schulranzen und den paar Stiften zu einem Event gestalten und in den kommenden drei Wochen mal so zwischenschieben. Cool. 

Was es da alles gibt: Richtig geschmeidig klingende Ergobags, solide und funktionale Schulrucksäcke und dann eben noch die Ranzen. Fällt vom Klang ziemlich ab. Da macht es auch keinen Unteschied, dass da noch ein "exclusive" oder "nano" hinterher pupst. "Ranzen" bleibt "Ranzen" und klingt ziemlich sperrig. Und irgendwie nach alter deutscher Schule. RAN.ZEN. Muffig. Ich persönlich favorisiere ja "Tornister" - aber bitte! Hier gibt es RAN.ZEN. Und zwar "Einzelranzen" und "Ranzensets". Ranzen unter 50 Euro und Ranzen bis 100 Euro.  Und dann eben die mit den üblichen Preisen. 

Als ich noch klein war, gab es die Dinger in gelb, marineblau, rot und oliv. In klein und groß. Fertig. Jetzt gibt es die in gefühlt dreißig Milliarden Designs und Sondereditionen. Wer blickt denn da noch durch? Zum Beispiel das 6-teilige Set "Naschkatze auf ErdBär-Jagd". Es enthält den Ranzen, einen Rucksack, die Federmappe (dazu unten mehr), den Turnbeutel und zwei weitere geheimnisvolle Elemente, die aber nicht abgebildet sind. Das ist schön. Wahrscheinlich einen Brustbeutel (noch so'n Wort) und dann gibt es noch die Motivserien "Butterfly", "Fantasy", "Dino", "Race", "Transform", "Little Flowers", "Lucky Horse" und "Honululu". Vor dem Hintergrund bin ich total froh über Englisch ab der ersten Klasse. Dazu liest man noch allerlei Marketing-Schrott:
"mit wunderschönen Stickereien, superplastischen Prints, trendigen Applikationen, Details in ganz besonderen Materialien und - als cooles Extra - ganz speziellen Gimmicks."
Schon klar...  

Das gewünschte Design der Utensilien haben wir also per Bildrecherche in Katalog und Internet festgelegt. Das ist die halbe Strecke, der Rest ist ein Klacks. Pah! Ich gerate in eine Art Organisationsrausch und bitte Herrn Zumbrechenflexibel, mir doch mal schnell die Besorgungsliste von Grundschule B im Rheinland zukommen zu lassen. Macht er promt und wenige Sekunden später baut sich eine Bilddatei vor meinen Augen auf, die mir auf meinem Höhenflug in Sekundenbruchteilen ein paar grundsolide Bleistiefel verpasst. Und zwar Größe 48. Whoooha! Ich kann das zwar noch nicht lesen, spüre aber schon wie sich eine animalische Panik durch die aufgeräumten Großhirnschichten gräbt und sämtliche Funktionseinheiten auf "Flucht" umschaltet.

Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Mit einem ausladenden Mühlstein das ganze böse Chi mit nach unten weisenden Handflächen aus der Körpermitte nach außen mahlen und dabei den Blick an einen imaginären Horizont heften. Dann mit der Gegenbewegung gutes Chi aus dem Nirwana her mahlen. Glaubt das eigentlich wer wirklich? Egal. Voll entspannt. Dann stellt sich das Display scharf. Gleich der erste Satz in einer lustigen Comic-Typo ist ein Knaller - wenn man dazu sein Gefolge im Blick hat: 

Damit Sie in Ruhe den Schulanfang vorbereiten können, hier eine Liste der Dinge, die Ihr Kind benötigt:

Und dann kommt's - 27 Spiegelstriche kryptischen Inhalts mit Weisungscharakter:
- eine Federmappe (einfach, mit einem Reißverschluss) 
ok. Die Anzahl habe ich verstanden. Damit hört es dann aber auch schon auf. Was habe ich mir unter einer "einfachen Federmappe" vorzustellen? Als Gegensatz zu "kompliziert"? Eine Federmappe ohne Allüren? Oder darf sie kein Motiv haben. Vielleicht auch "einfach" im Sinne von "bisher bildungsfern"? Und das ganze dann "mit einem Reißverschluss". Ist das nicht voll dikriminierend für alle Mäppchen mit Druckknöpfen oder zwei Reißverschlüssen? Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Ich brauche da genauere Anweisungen. 

- ein roter Schnellhefter  
- ein blauer Schnellhefter 
- ein grüner Schnellhefter 
- ein gelber Schnellhefter 
- ein  grauer Schnellhefter 
Merkt ihr was? Ich meine jetzt mal vorwiegend die Mädcheneltern. Seht ihr das unabwendbare Drama, das in Gang gesetzt wird, wenn man den Damen diese Schnellhefter  präsentiert? Klar. Ihr habt es! JAAAAA! Ganau! Die weigern sich schlicht, in die Schule zu gehen. Da ist weder Rosa, noch Lila oder Pink bei. Von Türkis ganz zu schweigen. Diese Farben sind gut, um die Registratur eines Wirtschaftsprüfers zu strukturieren. Geschenkt. Aber, um ein Doppel-X für die Schule einzunehmen, voll daneben. Echt jetzt. OK. Hilft nix. Weiter.

- 2 Rechenhefte (große Kästchen, DIN A5) 
ok. Kenne ich noch
- 2 Schreibhefte (Lineatur 1) Nr. 16 DIN A5 (farbig untersetzter Hintergrund)
WTF???
- 1 Schreibblock DIN A 4 unliniert
- 1 Zeichenblock DIN A 3 
- 1 Sammelmappe DIN A 3
- 1 Farbkasten (z.B. PIIIIIIIIEP) 
- 1 Borstenpinsel Nr. 10 und Nr. 4
- 1 Bastelschere
- 1 Doppelanspitzer (dick und dünn mit Spitzerdose)
- 1 Radiergummi 
Da könnte ich doch gleich die rosa Gänse aus meinem Schreibtisch nehmen! TOLL!! Haken dran.
- 1 Klebestift (ohne Lösungsmittel, kein Flüssigkleber!)
Die vermasseln einem aber auch jeden Spaß...
- Wachsmalstifte dick (z.B. PIIIIIIIIEP) 
- Buntstifte (falls nicht im Federmäppchen enthalten)
So. Da haben wir es. Also doch nicht "einfach" so'n Federmäppchen...
- Filzstifte (ohne Lösungsmittel, auf Wasserbasis, sowie Lebensmittelfarbstoffe)
Wie jetzt? Lebensmittelfarben in die Federmappe? Also DAS gab es bei uns nicht.
- 2 Bleistifte Nr. HB
- 1 breiter Aktenordner DIN A4 aus Pappe mit zwei Lochungen!
-  1 Wasserlöslicher Folienstift (schwarz oder blau, fein)
Ich will aber ROSA!
- 1 abwaschbares Frühstücksset
- Hausschuhe
- TURNBEUTEL mit festen Turnschuhen mit heller Sohle und Klettverschluss (wann genau darf es den Kindern nochmal zugemutet werden, eine Schleife zu binden?) Turnhose und Turnhemd.
Reichen auch Shorts mit T-Shirt?
- 1 Igelball.

Naja. Wenn's weiter nichts ist...