Mittwoch, 11. Dezember 2013

Hausfrauen sind doof. Und faul.


Ich bin keine Hausfrau. Und ich bin keine Karrierefrau. Ich sitze mit zwei Kindern und meiner Freiberuflichkeit irgendwie zwischen allen Stühlen, habe mich dort aber ganz gut eingerichtet. Ich kann einige Stunden am Tag einer mittelmäßig anspruchsvollen Erwerbsarbeit nachgehen, die mir Spaß macht und mir das gute Gefühl gibt, nicht nur irgend so eine Hausfrau zu sein, die ihr Leben damit vertut, sich um Mann und Kinder zu kümmern, den Haushalt zu schmeißen und die, wenn noch Zeit übrig ist, liebevoll noch ein paar Dekoartikel zusammenzuschustert, auf’s ordentliche Regal räumt und das Ganze „ein zu Hause bereiten“ nennt.

Mal ehrlich - wer von uns modernen Frauen guckt da nicht ein bisschen schräg von oben runter, wenn eine von sich sagt, sie mache das gerne, habe auch sonst beruflich keine Ambitionen und sehe ihren Lebensschwerpunkt darin, es sich selbst und ihrer Familie möglichst schön zu machen. Mit dem Geld ihres Mannes.

WAS??? Echt jetzt? Ich weiß nicht wie es euch geht, aber mich beschleicht da gleich so ein leicht mitleidiges Gefühl, weil ich insgeheim denke, da verkauft sich eine unter Wert, vergeudet ihr Potenzial, macht sich zum würdelosen und jederzeit ersetzbaren Dienstpersonal der restlichen Familie. Denn - so meine diffuse Annahme - wer das freiwillig macht, der hat entweder nichts gelernt, was eine erfüllendere Alternative dazu darstellt oder ist einfach zu faul, um sich dem harten Berufsleben zu stellen. 

Krasse Unterstellung, oder?

Entweder zu doof oder zu faul.

Hausfrauen halt. Unzeitgemäße Auslaufmodelle. CSU-Wählerinnen. Oder B-Ware.

Ich kann nichts dagegen machen, das ist einfach so auf meiner Festplatte. Wer das da einprogrammiert hat, lasse ich jetzt mal offen. Mein Programm zur Weltwahrnehmung sagt mir jedenfalls, dass Hausfrauen dämlich sind. Und deswegen ist es mir persönlich auch unglaublich wichtig, eben keine faule, doofe Hausfrau zu sein, die morgens mal eben die Kinder fertig macht, und sich den Rest des Tages mit so total dämlichen Sachen wie sauberer Wäsche, aufgeräumten Zimmern, vollem Kühlschrank und angenehmem Ambiente befasst. Und später dann den Knaller der Sinnlosigkeit abfeuert: Sich am Nachmittag noch um die nicht vollkommen hirnlose Beschäftigung der Kinder kümmert. Sie also zum Basteln, zum Schwimmen oder zu Freunden bringt, Hausaufgaben kontrolliert, Salzteig oder andere gebastelte Weihnachtsgeschenke für die Oma macht, kindische Streitereien schlichtet, Abendessen macht und vor dem Schlafengehen der Brut noch zeitgemäße Hygienestandards durchsetzt. Wie gesagt: Doof, faul und das Leben mit Trivialitäten verschwendend.

Stopp! Was sage ich da eigentlich?

Ich will jetzt mal sagen, was Sache ist: Eigentlich bin ich nämlich diejenige, die total doof ist, diesen Spagat tatsächlich jeden Tag zu machen. Denn dabei bleiben irgendwie alle Sachen dilettantisch und obenhin. Fragt mal meine Schwiegermutter, was die von „meinem“ „Haushalt“ hält. Und meine Texte könnten auch besser sein, wenn ich nicht dauernd übermüdet wäre, mir noch eine endlose Agenda von Schule und Kindergarten im Kopf umherschwirrte, soziale Pflichten zu erfüllen und zu guter Letzt noch die drei Tonnen Erde aus unserem Auto zu entfernen wären, um die Höchstbeladung nicht schon im Leerzustand zu erreichen.

Hier die Kernbotschaft. Hausfrauen sind gar nicht doof. Auch nicht faul. Die haben - wenn es gut läuft - nämlich auch einen echt harten 40- bis 50-Stunden-Job, der lohntechnisch vom flächendeckenden Mindestlohn noch meilenweit entfernt ist. Das ist doof. Interessiert nur keinen. Und damit jetzt mal ein für alle Mal klar wird, was die so alles machen - rund um die Uhr willige Klagemauer für die ewigen Meckereien der Kinder sein mal nicht mitgerechnet - hier eine kurze Job Description. Ihr könnt sie gerne ergänzen:

  • schmutzige Wäsche aus allen Zimmern sammeln, im Wäschekorb zwischenlagern, sortieren, in den Keller tragen, dort die schlimmsten Flecken vorbehandeln, waschen, anschließend aufhängen, im trockenen Zustand optional bügeln, zusammenfalten, wegsortieren und wenn man gerade sowieso in den einzelnen Zimmern vorbeikommt, die neue Wäsche direkt wieder einsammeln und in den Wäschekorb legen. 
  • Klos putzen
  • Waschbecken putzen
  • Badewannen, Duschtassen, Spülbecken putzen
  • aufräumen
  • Fenster putzen lassen
  • Staub wischen
  • Treppen fegen
  • Böden wischen
  • aufräumen
  • Teppiche saugen
  • idealerweise vor dem Saugen: 3 Millionen Kleinteile wieder zurück in Perlenkisten, Playmobil-Schiffe, Polly-Pocket-Häuschen, Autokisten, Kaufmannsläden, Bücherregale, Bastelschubladen, Dino-Kisten, Murmelsäcke, Pfeifenschränke, Toilettenschränke räumen.
  • danach eine Stunde vergeblich versuchen, wieder eine aufrechte Haltung anzunehmen
  • aufräumen
  • Korrespondenz mit Versorgern, Banken, Versicherungen, Vermietern, Handwerkern, Schulen, Kindergärten, Ärzten Musikschulen, Schwimm- und Sportvereinen, Bastelgruppen sowie sehr vereinzelt auch privaten Bezugspersonen führen, dokumentieren und sinnvoll abheften.
  • wenn man einen Garten hat: Rasen mähen, Laub rechen, Unkraut jäten, Blumen gießen, Maulwürfe ersäufen verjagen
  • aufräumen
  • Kinder wecken, anziehen, befrühstücken, Pausenbrote und Getränke zurecht machen, ganz wichtig: die dann auch einpacken, zur Schule/in den Kindergarten bringen, dort Sachen einsammeln. Nachmittags abholen, bespaßen und abends wieder füttern, sauber machen und zur Ruhe bringen. Zwischendurch bemeckert werden, Sachen suchen, Sachen reparieren, Sachen vor Zerstörung schützen, zum 500.Mal „Räuber Hotzenplotz“ hören
  • Betten frisch beziehen
  • Bettwäsche in den Keller bringen, dort waschen, trocknen, zusammenfalten und wieder in die Schränke sortieren
  • bei Magen-Darm die Schüssel halten
  • bei Geburtstagseinladungen die Geschenke besorgen.
  • Geschirr spülen UND wieder wegräumen
  • aufräumen
  • kochen, backen
  • aufräumen
  • einkaufen
  • Geschichten vorlesen
  • Buden bauen
  • mit Autos, Dinos, Puppen spielen
  • aufräumen
  • malen, schnippeln, kleben, kneten
  • Müll rausbringen
Jetzt mal ehrlich: Die machen doch echt nix, die Hausfrauen. Voll doof. Da arbeite ich lieber. Zusätzlich. Das gibt wenigstens Geld. Und Anerkennung. Und ist grundsätzlich weniger Stress.

Dienstag, 22. Oktober 2013

Oma Sonntag sagt...

"Wasch dir das Gesicht und zieh' eine frische Unterhose an, wenn du zum Arzt gehst. Man kann nie wissen." Was genau man in diesem Zusammenhang nie wissen kann, weiß ich nicht, möchte ich mir auch nicht ausmalen. Nicht bei meiner Oma. Ob sie dabei an den allgäuer Arzt dachte, mit dem sie während der Landverschickung in den 40-ern eine Affäre hatte, wegen der sie Opa Sonntag  am liebsten lieber jetzt als gleich in die Berliner Steinwüste geschickt hätte, das aber nicht gemacht hat, weil sie dann ihre Tochter an ihn verloren hätte, kann ich nicht beurteilen.

Möglicherweise war das ja auch vor dem Hintergrund damaliger Körperhygienestandards ein echt wichtiger Rat, weil die Unterhose sonst abends nur mal flüchtig ausgelüftet, im Ernstfall auch mal abgeklopft und am nächsten Tag wieder angezogen wurde. Das ging dann bis zum nächsten Waschtag so.

ODER sie meinte damit schlicht, dass man im Leben immer auf alles gefasst sein muss und wenn es einen dann trifft - was auch immer - soll man vorbereitet sein. Das heißt, der Situation würdevoll begegnen und dabei gut riechen. Wahrscheinlich hat sie aus demselben Grund die Wohnung immer erst dann verlassen, wenn nirgends mehr ein Stäubchen lag und alles hübsch ordentlich war. Schließlich könnte sie unterwegs sterben und infolgedessen Fremde ihre Wohnung betreten. Die sollten sie dann ehrbar im Gedächtnis behalten und nicht als "Schlampe".

Das Unerwartete immer erwarten, sogar die Möglichkeit des eigenen Ablebens bei jedem Einkauf auf der Liste haben und bei alledem noch das Vermächtnis im Auge zu behalten - das ist mal Gegenwärtigkeit. Angespannte Gegenwärtigkeit, aber immerhin. Es tut nicht so, als ob das Leben planbar und unendlich ist, sondern es versucht nur, bei allem das Gesicht zu wahren. Auch posthum. Toll.

Irgendwas davon ist wohl über die Generationen zu mir geschwappt, denn bevor ich mir heute Kind Nr. 1 geschnappt habe, um seine Backenzähne beim Dentisten versiegeln zu lassen, habe ich mir flugs selbst nochmal die Zähne geputzt. Man kann ja nie wissen. Prompt saß ich dann selbst auf dem Stuhl und die Lampe leuchtete in jede Ritze meiner Mundhöhle. Boah, Oma, du hattest ja so Recht. Aber die Putzerei vor dem Einkauf werde ich mir auch in Zukunft schenken. Sollte ich unerwartet sterben, mache ich die Kinder für das Chaos verantwortlich. Das wird jeder verstehen. Wenn nicht, ist es dann auch egal.

Montag, 14. Oktober 2013

Ungefragte Frau aus dem Call-Center:

Anruf auf dem Handy:

Ungefragte Frau aus dem Call-Center: "Guten Tag, Frau - ähm - Zum - äääh - Frau Zumbrechen - äh - flexibel?!  Habe ich das jetzt richtig ausgesprochen?"

Ich: "Naja - ..."

Ungefragte Frau aus dem Call-Center (vorwurfsvoll): "Ist aber auch ein ziemlich komplizierter Name..."

Ich: "Sie hätten es auch fast gehabt."

Ungefragte Frau aus dem Call-Center (total gelangweilt): "Ja. Also - äh - Frau Zumbechernflexibehl - Sie sind ja eine treue Kundin von uns."

Ich denke an die üblen Telefonate, Pannen und ärgerlichen Zusatzkosten, die durch deren Fehler unsere Kommunikation wirkungsvoll für drei Wochen gekappt haben und frage mich, ob die sich heute einfach mal die döfsten Kundenihrer Kartei vorgenommen haben, um diese mit sinnlosen aber kostenpflichtigen Zusatzangeboten zu bedenken und mein Puls schnellt auf 387.

Ungefragte Frau aus dem Call-Center (beeindruckend modulationsfrei): "Und weil wir 25-jähriges Jubiläum feiern, wollen wir unseren TREUEN Kunden..."

Wenn sie das mit den treuen Kunden nochmal sagt, werde ich ausfallend.

Ungefragte Frau aus dem Call-Center (reinigt sich dem Tonfall nach gerade die Fingernägel): "...an unserer Freude teilhaben lassen..."

Ich kann mich vor Aufregung kaum noch halten.

Ungefragte Frau aus dem Call-Center: "...und Ihnen heute einfachmal eine SIM-Karte KOSTENLOS  zuschicken."

Ich erinnere mich an die letzten "kostenlosen" 60 Euro, mache ein grimmiges Gesicht und lasse sie weiterreden. Ich beginne MEINE Fingernägel zu reinigen.

Ungefragte Frau aus dem Call-Center: "Sie können damit für - äh - einen MONAT! kostenlos in alle Handynetze Telefonieren und bekommen noch eine Internatflat über 500 MB dazu!"

Ich überlege kurz, ob ich sie darauf hinweisen soll, dass eine Flatrate ein Datenlimit eigentlich ausschließt, wenn man es ganz genau nimmt, schließlich gibt es ja auch keine auf zehn Jahre begrenzte Ehe - lasse das dann aber, weil dieses Thema sicher ihr Antwortendiagramm sprengt und sie vor lauter Schreck vermutlich wieder bei meinem Namen anfängt. Das wäre schlecht.

Ungefragte Frau aus dem Call-Center:  "Ich lege die SIM Karte noch heute in die Post. Wie finden Sie das, Frau ...

NEIN!

Ich (schnell): "Was kostet das denn nach dem Monat?"

Ungefragte Frau aus dem Call-Center: "Das kostet Sie dann nur Neuneuroneunundneunzig pro Monat - und weil Sie eine TREUE KUNDIN sind, bekommen Sie sogar noch drei Gratismonate dazu! Wie hört sich das an?"

Das hört sich irgendwie nach totalem Nepp an und außerdem hat sie mich schon wieder TREUE Kundin genannt. Ich möchte hiermit kündigen.
Ich: "Ich bin aber schon seit Jahren TREUE KUNDIN bei der Konkurrenz, habe gerade verpennt, zu kündigen und deswegen noch ein weiteres Jahr gebunden."

Ungefragte Frau aus dem Call-Center: "Und was zahlen Sie da?"

Ich: "Das geht Sie doch überhaupt nichts an."

Ungefragte Frau aus dem Call-Center: "Aber ..."

Ich: "Ich bin an keiner SIM-Karte interessiert."

Ungefragte Frau aus dem Call-Center: ist weg.

Samstag, 5. Oktober 2013

Kulturkonstante

Es gibt Dinge, die ändern sich nie. Die bleiben immer gleich - egal, wo man sich aufhält, mit wem man sich umgibt und in welchem Jahrhundert man sich zufällig befindet. Bei den ersten beiden liegt das wohl daran, dass man sich selbst ja immer mitnimmt und damit ein großer Teil der Situation konstant bleibt. Das Dritte allerdings ist ein großes Mysterium - Dinge, die über Generationen gleich bleiben, ohne Ansehen der Person. Ich rede jetzt nicht von grundlegenden menschlichen Eigenschaften wie Rachsucht, Grausamkeit und Eitelkeit oder dem ganzen Kram. Ich meine ganz konkrete Dinge, die ganz anders sein könnten, tatsächlich aber immer gleich sind, sobald die Voraussetzungen dafür erfüllt sind. Wie die Tatsache, dass die Einkaufstüten für Tiefkühlprodukte immer an der Wand der Kellertreppe hängen, wenn es einen Keller gibt. Bei meiner Oma gab es darüber noch eine Ablage für gereinigte Klarsichttüten aus der Fischabteilung von Huma - das war in den 70ern und frühen 80ern sowas wie die Metro für Privatpersonen.
Der Wocheneinkauf bei Huma hatte immer ein großes Highlight, nämlich den Fischkauf. Da schwammen die Forellen und Karpfen in großen Glasbassins. Man zeigte auf die Tiere, die man haben wollte, sah wie sie mit dem Käscher aus dem Wasser geholt und - für alle sichtbar - geköpft und ausgenommen wurden. Blutige Sache, ziemliche Sauerei. Aber der Fisch WAR frisch. Eindeutig. Und alle fanden es ok. Heute würde Greenpeace mit 'nem Schlauchboot vorfahren, den Kinderschutzbund im Schlepptau. Zu enge Bassins, traumatische Eindrücke für Kinder, kurz: Barbarei. Und mal ehrlich:  keiner macht sich auch heute mehr die Mühe, die Fischtüten zu spülen, zu trocknen und sauber im Kellerabgang akkurat aufzustapeln, um bei nächster Gelegenheit altbackene Brötchen darin zu Paniermehl zu zermahlen. Lieber nachhaltige Produkte kaufen.
Worauf ich aber hinaus wollte, ist die Konstante in all der Veränderung. Die Tüte für TK-Ware an der Kellertreppe zu deponieren. Bei Oma und jetzt bei mir. Gut - die Humatüten fehlen noch. Aber sonst gleiches Bild. Krass ist: ich habe sie da gar nicht hingehängt, sondern Herr Zumbrechenflexibel. Der kannte meine Oma gar nicht. Er hätte die Dinger also überall hinhängen können. Hat er aber nicht. Sie haben ihren Platz auf der rechten Seite der Kellertreppe bekommen. Als wäre es ein Naturgesetz: Wenn es in einem Haushalt gleichzeitig Thermotüten (A) und Kellertreppen (B) gibt, hängt A an B. Keine Diskussion.
Und wenn der Müll abgeholt wird, vergessen wir am Vortag die Tonne rauszustellen. Das war in Berlin so. Das bleibt auch im Rheinland so. Aber das ist wohl eher wieder so'n "man-nimmt-sich-halt-immer-selbst-mit-Ding". Aber auch das ist eine Konstante.
Schön.

Dienstag, 24. September 2013

Westfälische Pause - oder so...

Münsteraner Idylle: kein Fahrrad, keine Leute. Schööön!
Quelle: Stadt Münster
Während wir durch die Republik marodiert sind, haben wir übrigens auch mal drei Jahre in Münster Station gemacht. Und zwar nicht während des Studiums, sondern danach, aber vor der Familiengründung und das war das Problem. Denn Münsteraner haben für "erwachsen, aber keine Kinder" keine Kategorie, sodass sie einen entweder ignorieren oder einfach als Student behandeln. Das heißt duzen und bei vermeintlichem Fehverhalten derb zurechtweisen. Sollte man sich wehren, eskaliert die Situation sofort, also besser ruhig verhalten. Besonders wenn man kein Fahrrad besitz, nicht gebürtig aus Münster kommt und nicht katholisch ist. Doofe Klischees? Mitnichten. Versucht mal, da Kontakte zu knüpfen, ohne mit den Leuten schon im Kindergarten gewesen zu sein. Nicht möglich. Mit dem Auto in DEN KREISEL fahren - für Ortsunkundige: das ist der einzige zweispurige Kreisverkehr der ganzen Stadt und die Leute erbeben vor Angst, wenn sie davon sprechen. Böse? Nein. Tatsache - und darauf vertrauen, dass sich die Radfahrer an grundlegende Verkehrsregeln halten. HA! Das Leben in Münster ist nur als Münsteraner angenehm und Humor findet man nur im Tatort. Ich darf das sagen, denn ich will eh nie mehr dahin.

Wovon ich aber eigentlich im Nachgang zum Klassentreffen erzählen wollte, ist meine Begegnung mit der Westfälischen Pause. Dazu muss ich noch etwas weiter ausholen. Ich hatte ja schon öfter erwähnt, dass meine ganze Familie aus Berlin stammt und somit auch das entsprechende Naturell (pampig, aber herzlich) sowie die sprachlichen Gewohnheiten ("Bouletten" und "Schrippen", wa, statt "Frikadellen" und "Brötchen") mein Umfeld beherrschte, solange ich denken kann. Eigentlich berlinerte es allerorten um mich herum, sodass ich in dem festen Glauben aufwuchs, ebenfalls eher Berliner im Exil als Rheinländer im Rheinland zu sein. 

Wie sehr ich mich darin getäuscht habe, musste ich nämlich in Münster erfahren. Ich bin Rheinländer durch und durch: redselig bis geschwätzig, kontaktfreudig, gesellig und vielleicht auch ein bisschen oberflächlich dabei. Das sind dalles Eigenschaften, die mit denen der Westfalen vollkommen inkompatibel sind. Die sind - soweit ich sie kennengelernt habe - eher ruhig, man könnte auch abweisend sagen, einsilbig (oder maulfaul) und - hmmm - "träge", was die Anbahnung neuer Kontakte angeht. Um es kurz zu machen: Es hat drei Jahre gedauert, selbst OHNE KINDER, einen netten Bekanntenkreis aufzubauen.

Dennoch sind wir von Anfang an in unserer Freizeit mehr oder minder häufig mit Menschen in Kontakt gekommen. Und mit denen habe ich mich dann auch gerne unterhalten. Also - um ehrlich zu sein - ich habe sie unterhalten. Denn ich habe das gemacht, was ich in Gesellschaft immer mache, ich rede. Viel. Und mit einigen Schlenkern und Schnörkeln. OK. Mit vielen davon. Und ich persönlich finde das dann auch immer interessant. Aber irgenwann muss auch ich mal aufhören und immer genau dann kam von meinem westfälischen Gegenüber - nichts. Schweigen. Stille. Also genau das, was in einem ersten Gespräch immer besonders unangenehm und peinlich ist. Ich habe dann regelmäßig gedacht "Huuuu! Jetzt hast du wiedermal was total Doofes gesagt. Mist. Peinlich." Schnell Thema wechseln. Und dann habe ich ein neues Fass aufgemacht und wieder viel erzählt. Mit demselben Ergebnis. Stille, Schweigen. Unbehagen. 

Das hat mich belastet. Echt. Sodass ich irgendwann mal mit einer älteren Münsteranerin darüber gesprochen habe: dass ich immer rede und rede und REDE und wenn ich damit aufhöre, die Leute immer total peinlich berührt sind und schweigen. Ob sie da vielleicht einen Rat weiß. Und dann sagt die: "Das musst du nicht persönlich nehmen. Das ist hier einfach so. Wenn ein Gespräch lange genug dauert, entsteht Stille. Das ist die "Westfälische Pause". Das ist gar nicht unhöflich gemeint. Wir sind halt gerne für uns. Wenn ich dich in einer Kneipe treffen würde, würde ich mich auch nicht zu dir an den Tisch setzen, sondern woanders hin. Das machen wir hier so."

AHA.

Hat also nichts mit mir zu tun. Na dann bin ich ja beruhigt. Habe also nichts Blödes gesagt, sondern einfach nur die Redezeit ausgefüllt, sodass mein Gegenüber erstmal mit der Pause dran war. Wie unhöflich von mir, genau in dem Moment weiterzureden, in dem der Westfale eigentlich ansetzen wollte, zu antworten. Vielleicht. Auf jeden Fall ein mentalitätstechnischer Kulturschock. Habe mich in Berlin tatsächlich wohler gefühlt: pampig, aber grundsätzlich offen. Damit kann ich arbeiten.

Jetzt sollte man denken, dass mir als heimgekehrte Rheinländerin im Rheinland dann keine Westfälische Pause mehr begegnet. Bin ja nicht mehr in Westfalen. Weit gefehlt! Während des Klassentreffens ist sie mir tatsächlich hin und wieder über den Weg gelaufen. Diese peinliche Stille nach eigenen Redebeiträgen. Doof ist: Jetzt kann ich es nicht mehr auf die maulfaulen, bornierten Münsteraner schieben. Es muss an mir liegen. Wahrscheinlich habe ich einfach was echt Doofes gesagt. Naja - was solls. Einer muss das ja machen. Wäre ja sonst kein Klassentreffen...

Sonntag, 22. September 2013

Kinder, wie die Zeit vergeht!

Geschafft! Das erste Klassentreffen nach 20 Jahren. Meinem Vater fiel vor zwei Tagen fast das Glas aus der Hand "Was? SO lange ist das schon her?" "Ja. Papa. SO lange." Die Zeit vergeht, ist vergangen, soviel steht fest. Und im Nachhinein ist das irgendwie schneller passiert, als man so denkt oder als man das gerne hätte. Andererseits - wenn ich überlege, was in der Zeit alles gewesen ist, passt es wieder. War nämlich ganz schön viel los, in den letzten zwanzig Jahren (zehn Umzüge, zum Beispiel). Und wenn ich mir jetzt noch vorstelle, dass mir als deutscher Durchschnittsfrau statistisch noch etwa zweimal dieselbe Zeitspanne bleibt, ist das doch gar nicht schlecht. Sollte nicht noch was dazwischen kommen, aber das werde ich ja dann sehen. Oder eben auch nicht.

Aufregend war's auf jeden Fall. Allem voran der Blick in den Kleiderschrank. Man will sich ja dann doch irgendwie von seiner besten Seite zeigen, modisch voll auf der Höhe der Zeit sein. Dazu äußerlich noch in höchster Blüte stehen und innerlich schon mit den ersten Früchten der Altersweisheit gesegnet, kurz: ein vollkommener Mensch. Anziehend, witzig, entspannt, tadellos, was man auf dem Höhepunkt des Lebens eben so sein will. Toller Plan. Leider direkt vom Kleiderschrank sabotiert. DER sagte nämlich: "Schätzchen, du bist modisch irgendwo Ende der 90er stehen geblieben, hast dir in den vergangenen Jahren nur bügelfreie Funktionskleidung gekauft und selbst die ist mittlerweile schäbig, bekleckert oder weg. Sieh es ein, weine ein bisschen und geh' in Sack und Asche." HA! Da hat er die Rechnung aber ohne die gute Fee gemacht. Die hat nämlich mit neuen Jeans und Schuhen ein bisschen nachgeholfen. "Um die Bluse musst du dich aber selber kümmern, Schätzchen." "Alles klar. Habe ich. Zu Hause. Aber nenn mich nicht "Schätzchen", Alte!"

Ich also wieder nach Hause und habe da eine dreiviertel Stunde nach der scheiß Bluse gesucht. Gefunden habe ich sie schließlich auf dem Grund einer leeren Pampers-Kiste, kellerfeucht und total zerknittert. Aber sauber. Toll. Leider war dann das Bügeleisen weg. Herr Zumbrechenflexibel hat es über das Wochenende mit nach Nordhessen genommen. Die Kinder auch. Letzeres ist praktisch. Das mit dem Bügeleisen eher doof. Tatsächlich habe ich dann noch in meinem Kleiderschrank eine andere weiße, gebügelte UND gestärkte Bluse gefunden. Wie die da rein kommt - keine Ahnung.

Der letzte Blick in den Spiegel stellt einigermaßen zufrieden: modisch in der Zeit, innerlich gereift, also offensichtlich mit Gewinn gelebt und weiterentwickelt, dabei kaum gealtert - oderOderO.D.E.R.? Und dann kommt er, DER SATZ, der alle diese Bemühungen vereitelt, vernichtet und einen brutal wieder auf den Boden der Tatsachen holt: "Mensch, du hast dich ja gar nicht verändert!" Arrrgh! Dann hätte ich auch den Schrott aus dem Schrank anziehen und mit Dauerwelle in "schwarze Kirsche" und Chucks gehen können. OK. Ich sehe also in den Klamotten von heute noch so aus wie damals. Eigentlich doch nicht so schlecht. Ziemlich gut sogar. Oder? Ja. Puh! Hätte schlimmer kommen können. Zum Beispiel: "Ach du Scheiße! Wie siehst DU denn aus???" Oder "Äh. Hallo. Hmmm. Hilf mir mal - wer bist du nochmal?"  Oder "Entschuldigung - der Tanztee für rüstige Senioren ist nebenan."

Äußerlich unbeschadet durch 20 Jahre gegangen zu sein, ist ein Erfolg. Vor 500 Jahren wäre ich in diesem Alter mit großer Wahrscheinlichkeit schon tot, hätte keine Zähne mehr, dafür aber etwa 20 Kinder, von denen nur wenige das sechste Lebensjahr erreicht hätten. Ich will also gar nicht meckern. Die anderen haben übrigens auch keinen Grund zu meckern, denn die haben sich auch alle gar nicht verändert. Cool, oder? Dass man heute mit knapp 40 der jugendlichen Ausgabe seiner selbst so ähnlich sieht.

Davon mal ab: wovor ich wirklich ein bisschen Schiss hatte, waren ein paar alte Geschichten. Die wirklich sehr lustig sind, wenn man nicht gerade selber die Hauptperson ist. Ich hatte fest damit gerechnet, die schon am Eingang in treffenden Schlagworten entgegengeschleudert zu bekommen. Sie kamen aber nicht, denn man hatte sie vergessen. Einfach so. Die Zeit macht doch einen recht guten Job. Letztendlich habe ich die sehr spät abends selber nochmal erzählt. Denn ich bin ja innerlich gereift und stehe jetzt sowas von über den Dingen. Die richtig peinlichen Details habe ich aber weggelassen. Bin ja nicht doof! Die hebe ich mir für das 40-jährige Klassentreffen auf. 

Freitag, 20. September 2013

LED Echtwachskerzen

Kennt ihr das, wenn ihr was seht, das euch einfach dem Atem verschlägt und ihr nicht mehr so recht wisst, was ihr darüber denken sollt? Ob ihr dann überhaupt noch denken KÖNNT? Geht mir häufig so. Echt. Vielleicht so oft, dass die Momente, in denen ich ruhig, regelmäßig atme und sogar noch denke dabei, eher die Ausnahme sind. Weil mir so vieles ob seiner Derb-, Doof- oder sonstigen -heit schlicht die Sprache verschlägt, habe ich aus reinem Selbstschutz aufgehört, Privatsender zu sehen. Ich wäre sonst mittlerweile stumm wie ein Fisch.Aber manchmal überrascht einen der Schrott, wo man nicht damit rechnet. Ich hatte zu Beginn mal von der visuellen Kollision mit einer Klopapierreklame in Tegel berichtet. Heute ist mir was vergleichbares begegnet. Und zwar bei Tchibo.

OK.

Ich gebe zu, dass man da außer Kindergummistiefeln eigentlich auch nichts wirklich brauchbares erwarten darf, aber das Folgende hat mich ECHT erschreckt: Eine ausgehölte Echtwachskerze in Braun-Silber mit LEDs drin. Und die flackern auch noch. Der Werbetext beschreibt das Ding mit "flackernde Kerzenimitation - ohne Brandgefahr". Offensichtlich ist die Abwesenheit der Brandgefahr das einzige, was hier selbst Profis positiv hervorheben können. Mal ehrlich: bevor ich mir sowas ins Regal stelle, lasse ich die Hütte abbrennen. Bis auf die Grundmauern. ECHT. Das muss man sich mal vorstellen: Ein hohler, bleicher Wachsrundling, oben vollkommen glatt gefräst, außen mit silberfolienveredelten "Borkenoptik", die man aber nur 'nem Blinden als solche verkaufen kann. Und drinnen zuckt ein künstlich erwärmtes Kunstlicht.

Warum stellt man sich sowas in die Wohnung? Schönheit, Romantik oder "natürliches Ambiente" scheiden ja aus.

Ich bin wirklich ratlos.