Donnerstag, 13. März 2014

102.800 verlorene Möglichkeiten

Verlorene Möglichkeiten 2013
Heute hat mich eine Zahl des statistischen Bundesamtes mal brutal von hinten erwischt. Ich war eh schlecht drauf, deswegen war der Impact besonders tief. Passt. Wie auch immer. 

Wer jetzt noch gut drauf ist, sollte mal besser weglesen. 

Denn die Zahl des Tages heißt 
102.800 Abtreibungen in Deutschland im Jahr 2013. 

Man muss sich ausmalen was das konkret bedeutet: Zum Beispiel, dass fast ganz Moers im vergangenen Jahr ausgelöscht worden ist. Ich meine - nicht, dass ich irgendetwas gegen Moers hätte. Soll ja zuweilen ganz gute Jazz Musik da geben. Ich hätte auch Hildesheim, Cottbus oder Kaiserslautern sagen können. Das sind alles "Großstädte" mit etwas mehr als 100.000 Einwohnern. Ich erlaube mir kein Urteil darüber, ob diese Städte ein Existenzrecht haben oder nicht - ist bestimmt auch irgendwie total schön da - aber eine von denen musste letztes Jahr evakuiert werden. Also entleert. Dauerhaft. Naja - die Leute da sollen sich mal nicht beschweren, denn die hatten ja sicher schon ein paar tolle Jahre - so mit Frühling, Sonne, Flipflops, Eis und Ferien. 

Oder eine andere Rechnung: "Unsere" Schule hat 240 Schüler. Mit den in der Potenz verbliebenen Kindern könnte man die 428 mal füllen. Die Füllung von 428 Grundschulen wurde abgesaugt. Oder rund 2.284 mal "unser" Kindergarten. Ist doch prima - die knapp 23.000 Erzieher und 10.700 Grundschullehrer können dann in der Altenpflege arbeiten. Da werden sie sowieso dringend gebraucht und das Persönlichkeitsprofil der zu Betreuenden ist ähnlich...

Ich werde unendlich traurig, wenn ich an all die kleinen Menschen denke, die nicht einmal anfangen durften und schon lange vor dem PEKiP aussortiert worden sind und zwar nicht, weil der Kurs voll war, sondern weil sie irgendwie gerade nicht is Konzept gepasst haben. "War gerade irgendwie ungünstig/eine Katastrophe/nicht mein Typ". Weiß man ja vorher nie. Vielleicht wäre es doch "günstig" oder ein Glücksfall geworden? Irgendwie?? Wer kann schon sagen, wer das mal geworden wäre - ein cooler Typ mit 'ner E-Gitarre, eine Künstlerin, eine Schlagzeugerin, Tänzerinnen, Pferdenarren, Tierliebhaber, WissenschaftlerInnen, vielleicht Fußballer, Lehrer oder vollkommen talentfreie Menschen, die sich am Feierabend gerne mal aufs Sofa setzen und Sportschau gucken. Vorher wären das Kinder gewesen, die sich für Cars, Rapunzel oder Elfen-Comics begeistern. Die Glitzer lieben, voll auf Dinos, Lutscher oder Holzeisenbahnen abfahren. Die einem die Welt auf so unnachahmliche Weise erklären, dass man einfach daran glauben muss. Aber trotzdem froh ist, wenn man nach 20 Uhr wieder die Deutungshoheit besitzt. Die so unglaublich zornig und glücklich sein können, dass man selbst immer noch eine gehörige Portion davon abbekommt. Die unendlich kostbar sind, allein, weil sie da sind.

Es ist soviel perfektes Leben, das da so endgültig verloren geht und was keine Lobby hat.

Nur vier Prozent der Abtreibungen waren medizinisch indiziert - die Schwangerschaften von Vergewaltigern sind da mit hineingerechnet. Knapp drei Viertel der Frauen (74 Prozent) waren zwischen 18 und 34 Jahre alt. 15 Prozent zwischen 35 und 39 Jahre, 8 Prozent über vierzig. 

Ach so - und hier der Link.

Donnerstag, 13. Februar 2014

"Letzte Ziele" - mit dem Navi zur Beerdigung

up, up and away!
Dreimal die Hacken zusammenschlagen und was dann?
Kennt ihr diese Tage, die so vollgestopft sind mit dringenden Erledigungen und akuten Handlungsforderungen des prallen Lebens - Deadlines, Korrespondenz mit dem Finanzamt, Rechnungen, verbindliche Abholzeiten im Kindergarten und im Hort, beidseitige Mittelohrentzündung bei Nr.2, leerer Kühlschrank, voller Wäschepuff, leerer Tank, volle Spülmaschine, die nächste Mitteilung auf Facebook, um nur die absolut wichtigsten zu nennen. Da könnte man auf die Idee kommen, das ginge einfach immer so weiter. Wenn man Zeit hätte, auf Ideen zu kommen. Die hat man aber nicht. Stattdessen stellt man am Abend immer vollkommen überrascht fest, dass der Tag schon wieder vorbei ist, obwohl man doch gerade erst aufgestanden ist. Oberdrein ist auch schon wieder Freitag, dabei hat man doch eben erst das Sonntagsfrühstück abgeräumt. Dazwischen - was war nochmal dazwischen? Vergessen. War auch nicht wichtig. Der Kaldender behauptet, es sei schon Mitte Februar. Dabei war doch letzte Woche erst Weihnachten. WAS? Auch schon sieben Wochen her? Krass! Und bald sechs Monate im Rheinland? Oh Gott! Dann ziehen wir ja in zweieinhalb Jahren schon wieder um! Höchste Zeit, schonmal auszumisten.

Das Leben ist kurz und unruhig. Es reißt einen einfach mit sich und man muss verdammt aufpassen, die ganzen Felsen zu umpaddeln und in den Untiefen nicht abzusaufen. Voll und ganz damit beschäftigt, den Kopf oben zu halten, oder? Mir geht das so. Stunde für Stunde, Tag für Tag. Ich jage immer von einem akuten Aktionsfeld zum nächsten. Irgendwas ist ja immer.

Und dann gibt es diese Tage, in denen der Tod einbricht. Der sorgt ein für alle Mal für Ruhe. Im Kopf, im Terminkalender und verrückt die Prioritäten. Gestern war so ein Tag. Es war der erste Todestag meines lieben Schwagers, der letztes Jahr vollkommen unerwartet und auf tragische Weise gestorben ist. Das erste Jahr seiner Ewigkeit ging für uns unfassbar schnell rum. Und der Verlust ist noch immer so schrecklich schmerzhaft. Aber als ob das nicht genügte, findet an diesem Tag auch noch die Beerdigung eines Kommilitonen statt. Seine Partnerin ist eine Freundin aus Kindertagen. Wir kennen uns seit 1981, hatten uns 12 Jahre nicht gesehen und dann gestern wieder. 

Was war gerade nochmal so wichtig? Warte mal! Ich hab's gleich... Hmmm. Mist! Komme nicht mehr drauf. Bei soviel Vergänglichkeit von Zeit und Leben relativiert sich doch einiges. Wer sagt eigentlich, dass alles immer so weitergeht? Was, wenn nicht? Wo sind die Gewissheiten? Argh! Sie sind WEG!

In diesem seltsamen Zustand steige ich wieder ins Auto, stelle das Navi an, damit wenigstens einer von uns weiß, wo es lang geht. Ich schaue ins Menü:

"Adresse eingeben"

ok

"Letzte Ziele?"

Wie jetzt? Hatte ich bei tomtom etwa die Eschatologie-Version erwischt? "Final Destination - Letzte Dinge sicher finden!" Ist mir noch gar nicht aufgefallen. Naja - wo wir schon dabei sind: Was sind eigentlich MEINE letzten Ziele? Die Frage lässt sich nur vom Ende aus beantworten. Am Ende will ich so wenig falsche Entscheidungen wie möglich getroffen haben. Ich will mich den richtigen Menschen zugewendet haben. Und ich will keine Zeit für sinnlose Sachen vergeudet haben (alles klar, MORGEN lösche ich meinen Facebookaccount. VERSPROCHEN). 

Dann wäre das also geklärt. Navis können einem aber manchmal auch Fragen stellen...


Mittwoch, 11. Dezember 2013

Hausfrauen sind doof. Und faul.


Ich bin keine Hausfrau. Und ich bin keine Karrierefrau. Ich sitze mit zwei Kindern und meiner Freiberuflichkeit irgendwie zwischen allen Stühlen, habe mich dort aber ganz gut eingerichtet. Ich kann einige Stunden am Tag einer mittelmäßig anspruchsvollen Erwerbsarbeit nachgehen, die mir Spaß macht und mir das gute Gefühl gibt, nicht nur irgend so eine Hausfrau zu sein, die ihr Leben damit vertut, sich um Mann und Kinder zu kümmern, den Haushalt zu schmeißen und die, wenn noch Zeit übrig ist, liebevoll noch ein paar Dekoartikel zusammenzuschustert, auf’s ordentliche Regal räumt und das Ganze „ein zu Hause bereiten“ nennt.

Mal ehrlich - wer von uns modernen Frauen guckt da nicht ein bisschen schräg von oben runter, wenn eine von sich sagt, sie mache das gerne, habe auch sonst beruflich keine Ambitionen und sehe ihren Lebensschwerpunkt darin, es sich selbst und ihrer Familie möglichst schön zu machen. Mit dem Geld ihres Mannes.

WAS??? Echt jetzt? Ich weiß nicht wie es euch geht, aber mich beschleicht da gleich so ein leicht mitleidiges Gefühl, weil ich insgeheim denke, da verkauft sich eine unter Wert, vergeudet ihr Potenzial, macht sich zum würdelosen und jederzeit ersetzbaren Dienstpersonal der restlichen Familie. Denn - so meine diffuse Annahme - wer das freiwillig macht, der hat entweder nichts gelernt, was eine erfüllendere Alternative dazu darstellt oder ist einfach zu faul, um sich dem harten Berufsleben zu stellen. 

Krasse Unterstellung, oder?

Entweder zu doof oder zu faul.

Hausfrauen halt. Unzeitgemäße Auslaufmodelle. CSU-Wählerinnen. Oder B-Ware.

Ich kann nichts dagegen machen, das ist einfach so auf meiner Festplatte. Wer das da einprogrammiert hat, lasse ich jetzt mal offen. Mein Programm zur Weltwahrnehmung sagt mir jedenfalls, dass Hausfrauen dämlich sind. Und deswegen ist es mir persönlich auch unglaublich wichtig, eben keine faule, doofe Hausfrau zu sein, die morgens mal eben die Kinder fertig macht, und sich den Rest des Tages mit so total dämlichen Sachen wie sauberer Wäsche, aufgeräumten Zimmern, vollem Kühlschrank und angenehmem Ambiente befasst. Und später dann den Knaller der Sinnlosigkeit abfeuert: Sich am Nachmittag noch um die nicht vollkommen hirnlose Beschäftigung der Kinder kümmert. Sie also zum Basteln, zum Schwimmen oder zu Freunden bringt, Hausaufgaben kontrolliert, Salzteig oder andere gebastelte Weihnachtsgeschenke für die Oma macht, kindische Streitereien schlichtet, Abendessen macht und vor dem Schlafengehen der Brut noch zeitgemäße Hygienestandards durchsetzt. Wie gesagt: Doof, faul und das Leben mit Trivialitäten verschwendend.

Stopp! Was sage ich da eigentlich?

Ich will jetzt mal sagen, was Sache ist: Eigentlich bin ich nämlich diejenige, die total doof ist, diesen Spagat tatsächlich jeden Tag zu machen. Denn dabei bleiben irgendwie alle Sachen dilettantisch und obenhin. Fragt mal meine Schwiegermutter, was die von „meinem“ „Haushalt“ hält. Und meine Texte könnten auch besser sein, wenn ich nicht dauernd übermüdet wäre, mir noch eine endlose Agenda von Schule und Kindergarten im Kopf umherschwirrte, soziale Pflichten zu erfüllen und zu guter Letzt noch die drei Tonnen Erde aus unserem Auto zu entfernen wären, um die Höchstbeladung nicht schon im Leerzustand zu erreichen.

Hier die Kernbotschaft. Hausfrauen sind gar nicht doof. Auch nicht faul. Die haben - wenn es gut läuft - nämlich auch einen echt harten 40- bis 50-Stunden-Job, der lohntechnisch vom flächendeckenden Mindestlohn noch meilenweit entfernt ist. Das ist doof. Interessiert nur keinen. Und damit jetzt mal ein für alle Mal klar wird, was die so alles machen - rund um die Uhr willige Klagemauer für die ewigen Meckereien der Kinder sein mal nicht mitgerechnet - hier eine kurze Job Description. Ihr könnt sie gerne ergänzen:

  • schmutzige Wäsche aus allen Zimmern sammeln, im Wäschekorb zwischenlagern, sortieren, in den Keller tragen, dort die schlimmsten Flecken vorbehandeln, waschen, anschließend aufhängen, im trockenen Zustand optional bügeln, zusammenfalten, wegsortieren und wenn man gerade sowieso in den einzelnen Zimmern vorbeikommt, die neue Wäsche direkt wieder einsammeln und in den Wäschekorb legen. 
  • Klos putzen
  • Waschbecken putzen
  • Badewannen, Duschtassen, Spülbecken putzen
  • aufräumen
  • Fenster putzen lassen
  • Staub wischen
  • Treppen fegen
  • Böden wischen
  • aufräumen
  • Teppiche saugen
  • idealerweise vor dem Saugen: 3 Millionen Kleinteile wieder zurück in Perlenkisten, Playmobil-Schiffe, Polly-Pocket-Häuschen, Autokisten, Kaufmannsläden, Bücherregale, Bastelschubladen, Dino-Kisten, Murmelsäcke, Pfeifenschränke, Toilettenschränke räumen.
  • danach eine Stunde vergeblich versuchen, wieder eine aufrechte Haltung anzunehmen
  • aufräumen
  • Korrespondenz mit Versorgern, Banken, Versicherungen, Vermietern, Handwerkern, Schulen, Kindergärten, Ärzten Musikschulen, Schwimm- und Sportvereinen, Bastelgruppen sowie sehr vereinzelt auch privaten Bezugspersonen führen, dokumentieren und sinnvoll abheften.
  • wenn man einen Garten hat: Rasen mähen, Laub rechen, Unkraut jäten, Blumen gießen, Maulwürfe ersäufen verjagen
  • aufräumen
  • Kinder wecken, anziehen, befrühstücken, Pausenbrote und Getränke zurecht machen, ganz wichtig: die dann auch einpacken, zur Schule/in den Kindergarten bringen, dort Sachen einsammeln. Nachmittags abholen, bespaßen und abends wieder füttern, sauber machen und zur Ruhe bringen. Zwischendurch bemeckert werden, Sachen suchen, Sachen reparieren, Sachen vor Zerstörung schützen, zum 500.Mal „Räuber Hotzenplotz“ hören
  • Betten frisch beziehen
  • Bettwäsche in den Keller bringen, dort waschen, trocknen, zusammenfalten und wieder in die Schränke sortieren
  • bei Magen-Darm die Schüssel halten
  • bei Geburtstagseinladungen die Geschenke besorgen.
  • Geschirr spülen UND wieder wegräumen
  • aufräumen
  • kochen, backen
  • aufräumen
  • einkaufen
  • Geschichten vorlesen
  • Buden bauen
  • mit Autos, Dinos, Puppen spielen
  • aufräumen
  • malen, schnippeln, kleben, kneten
  • Müll rausbringen
Jetzt mal ehrlich: Die machen doch echt nix, die Hausfrauen. Voll doof. Da arbeite ich lieber. Zusätzlich. Das gibt wenigstens Geld. Und Anerkennung. Und ist grundsätzlich weniger Stress.

Dienstag, 22. Oktober 2013

Oma Sonntag sagt...

"Wasch dir das Gesicht und zieh' eine frische Unterhose an, wenn du zum Arzt gehst. Man kann nie wissen." Was genau man in diesem Zusammenhang nie wissen kann, weiß ich nicht, möchte ich mir auch nicht ausmalen. Nicht bei meiner Oma. Ob sie dabei an den allgäuer Arzt dachte, mit dem sie während der Landverschickung in den 40-ern eine Affäre hatte, wegen der sie Opa Sonntag  am liebsten lieber jetzt als gleich in die Berliner Steinwüste geschickt hätte, das aber nicht gemacht hat, weil sie dann ihre Tochter an ihn verloren hätte, kann ich nicht beurteilen.

Möglicherweise war das ja auch vor dem Hintergrund damaliger Körperhygienestandards ein echt wichtiger Rat, weil die Unterhose sonst abends nur mal flüchtig ausgelüftet, im Ernstfall auch mal abgeklopft und am nächsten Tag wieder angezogen wurde. Das ging dann bis zum nächsten Waschtag so.

ODER sie meinte damit schlicht, dass man im Leben immer auf alles gefasst sein muss und wenn es einen dann trifft - was auch immer - soll man vorbereitet sein. Das heißt, der Situation würdevoll begegnen und dabei gut riechen. Wahrscheinlich hat sie aus demselben Grund die Wohnung immer erst dann verlassen, wenn nirgends mehr ein Stäubchen lag und alles hübsch ordentlich war. Schließlich könnte sie unterwegs sterben und infolgedessen Fremde ihre Wohnung betreten. Die sollten sie dann ehrbar im Gedächtnis behalten und nicht als "Schlampe".

Das Unerwartete immer erwarten, sogar die Möglichkeit des eigenen Ablebens bei jedem Einkauf auf der Liste haben und bei alledem noch das Vermächtnis im Auge zu behalten - das ist mal Gegenwärtigkeit. Angespannte Gegenwärtigkeit, aber immerhin. Es tut nicht so, als ob das Leben planbar und unendlich ist, sondern es versucht nur, bei allem das Gesicht zu wahren. Auch posthum. Toll.

Irgendwas davon ist wohl über die Generationen zu mir geschwappt, denn bevor ich mir heute Kind Nr. 1 geschnappt habe, um seine Backenzähne beim Dentisten versiegeln zu lassen, habe ich mir flugs selbst nochmal die Zähne geputzt. Man kann ja nie wissen. Prompt saß ich dann selbst auf dem Stuhl und die Lampe leuchtete in jede Ritze meiner Mundhöhle. Boah, Oma, du hattest ja so Recht. Aber die Putzerei vor dem Einkauf werde ich mir auch in Zukunft schenken. Sollte ich unerwartet sterben, mache ich die Kinder für das Chaos verantwortlich. Das wird jeder verstehen. Wenn nicht, ist es dann auch egal.

Montag, 14. Oktober 2013

Ungefragte Frau aus dem Call-Center:

Anruf auf dem Handy:

Ungefragte Frau aus dem Call-Center: "Guten Tag, Frau - ähm - Zum - äääh - Frau Zumbrechen - äh - flexibel?!  Habe ich das jetzt richtig ausgesprochen?"

Ich: "Naja - ..."

Ungefragte Frau aus dem Call-Center (vorwurfsvoll): "Ist aber auch ein ziemlich komplizierter Name..."

Ich: "Sie hätten es auch fast gehabt."

Ungefragte Frau aus dem Call-Center (total gelangweilt): "Ja. Also - äh - Frau Zumbechernflexibehl - Sie sind ja eine treue Kundin von uns."

Ich denke an die üblen Telefonate, Pannen und ärgerlichen Zusatzkosten, die durch deren Fehler unsere Kommunikation wirkungsvoll für drei Wochen gekappt haben und frage mich, ob die sich heute einfach mal die döfsten Kundenihrer Kartei vorgenommen haben, um diese mit sinnlosen aber kostenpflichtigen Zusatzangeboten zu bedenken und mein Puls schnellt auf 387.

Ungefragte Frau aus dem Call-Center (beeindruckend modulationsfrei): "Und weil wir 25-jähriges Jubiläum feiern, wollen wir unseren TREUEN Kunden..."

Wenn sie das mit den treuen Kunden nochmal sagt, werde ich ausfallend.

Ungefragte Frau aus dem Call-Center (reinigt sich dem Tonfall nach gerade die Fingernägel): "...an unserer Freude teilhaben lassen..."

Ich kann mich vor Aufregung kaum noch halten.

Ungefragte Frau aus dem Call-Center: "...und Ihnen heute einfachmal eine SIM-Karte KOSTENLOS  zuschicken."

Ich erinnere mich an die letzten "kostenlosen" 60 Euro, mache ein grimmiges Gesicht und lasse sie weiterreden. Ich beginne MEINE Fingernägel zu reinigen.

Ungefragte Frau aus dem Call-Center: "Sie können damit für - äh - einen MONAT! kostenlos in alle Handynetze Telefonieren und bekommen noch eine Internatflat über 500 MB dazu!"

Ich überlege kurz, ob ich sie darauf hinweisen soll, dass eine Flatrate ein Datenlimit eigentlich ausschließt, wenn man es ganz genau nimmt, schließlich gibt es ja auch keine auf zehn Jahre begrenzte Ehe - lasse das dann aber, weil dieses Thema sicher ihr Antwortendiagramm sprengt und sie vor lauter Schreck vermutlich wieder bei meinem Namen anfängt. Das wäre schlecht.

Ungefragte Frau aus dem Call-Center:  "Ich lege die SIM Karte noch heute in die Post. Wie finden Sie das, Frau ...

NEIN!

Ich (schnell): "Was kostet das denn nach dem Monat?"

Ungefragte Frau aus dem Call-Center: "Das kostet Sie dann nur Neuneuroneunundneunzig pro Monat - und weil Sie eine TREUE KUNDIN sind, bekommen Sie sogar noch drei Gratismonate dazu! Wie hört sich das an?"

Das hört sich irgendwie nach totalem Nepp an und außerdem hat sie mich schon wieder TREUE Kundin genannt. Ich möchte hiermit kündigen.
Ich: "Ich bin aber schon seit Jahren TREUE KUNDIN bei der Konkurrenz, habe gerade verpennt, zu kündigen und deswegen noch ein weiteres Jahr gebunden."

Ungefragte Frau aus dem Call-Center: "Und was zahlen Sie da?"

Ich: "Das geht Sie doch überhaupt nichts an."

Ungefragte Frau aus dem Call-Center: "Aber ..."

Ich: "Ich bin an keiner SIM-Karte interessiert."

Ungefragte Frau aus dem Call-Center: ist weg.

Samstag, 5. Oktober 2013

Kulturkonstante

Es gibt Dinge, die ändern sich nie. Die bleiben immer gleich - egal, wo man sich aufhält, mit wem man sich umgibt und in welchem Jahrhundert man sich zufällig befindet. Bei den ersten beiden liegt das wohl daran, dass man sich selbst ja immer mitnimmt und damit ein großer Teil der Situation konstant bleibt. Das Dritte allerdings ist ein großes Mysterium - Dinge, die über Generationen gleich bleiben, ohne Ansehen der Person. Ich rede jetzt nicht von grundlegenden menschlichen Eigenschaften wie Rachsucht, Grausamkeit und Eitelkeit oder dem ganzen Kram. Ich meine ganz konkrete Dinge, die ganz anders sein könnten, tatsächlich aber immer gleich sind, sobald die Voraussetzungen dafür erfüllt sind. Wie die Tatsache, dass die Einkaufstüten für Tiefkühlprodukte immer an der Wand der Kellertreppe hängen, wenn es einen Keller gibt. Bei meiner Oma gab es darüber noch eine Ablage für gereinigte Klarsichttüten aus der Fischabteilung von Huma - das war in den 70ern und frühen 80ern sowas wie die Metro für Privatpersonen.
Der Wocheneinkauf bei Huma hatte immer ein großes Highlight, nämlich den Fischkauf. Da schwammen die Forellen und Karpfen in großen Glasbassins. Man zeigte auf die Tiere, die man haben wollte, sah wie sie mit dem Käscher aus dem Wasser geholt und - für alle sichtbar - geköpft und ausgenommen wurden. Blutige Sache, ziemliche Sauerei. Aber der Fisch WAR frisch. Eindeutig. Und alle fanden es ok. Heute würde Greenpeace mit 'nem Schlauchboot vorfahren, den Kinderschutzbund im Schlepptau. Zu enge Bassins, traumatische Eindrücke für Kinder, kurz: Barbarei. Und mal ehrlich:  keiner macht sich auch heute mehr die Mühe, die Fischtüten zu spülen, zu trocknen und sauber im Kellerabgang akkurat aufzustapeln, um bei nächster Gelegenheit altbackene Brötchen darin zu Paniermehl zu zermahlen. Lieber nachhaltige Produkte kaufen.
Worauf ich aber hinaus wollte, ist die Konstante in all der Veränderung. Die Tüte für TK-Ware an der Kellertreppe zu deponieren. Bei Oma und jetzt bei mir. Gut - die Humatüten fehlen noch. Aber sonst gleiches Bild. Krass ist: ich habe sie da gar nicht hingehängt, sondern Herr Zumbrechenflexibel. Der kannte meine Oma gar nicht. Er hätte die Dinger also überall hinhängen können. Hat er aber nicht. Sie haben ihren Platz auf der rechten Seite der Kellertreppe bekommen. Als wäre es ein Naturgesetz: Wenn es in einem Haushalt gleichzeitig Thermotüten (A) und Kellertreppen (B) gibt, hängt A an B. Keine Diskussion.
Und wenn der Müll abgeholt wird, vergessen wir am Vortag die Tonne rauszustellen. Das war in Berlin so. Das bleibt auch im Rheinland so. Aber das ist wohl eher wieder so'n "man-nimmt-sich-halt-immer-selbst-mit-Ding". Aber auch das ist eine Konstante.
Schön.

Dienstag, 24. September 2013

Westfälische Pause - oder so...

Münsteraner Idylle: kein Fahrrad, keine Leute. Schööön!
Quelle: Stadt Münster
Während wir durch die Republik marodiert sind, haben wir übrigens auch mal drei Jahre in Münster Station gemacht. Und zwar nicht während des Studiums, sondern danach, aber vor der Familiengründung und das war das Problem. Denn Münsteraner haben für "erwachsen, aber keine Kinder" keine Kategorie, sodass sie einen entweder ignorieren oder einfach als Student behandeln. Das heißt duzen und bei vermeintlichem Fehverhalten derb zurechtweisen. Sollte man sich wehren, eskaliert die Situation sofort, also besser ruhig verhalten. Besonders wenn man kein Fahrrad besitz, nicht gebürtig aus Münster kommt und nicht katholisch ist. Doofe Klischees? Mitnichten. Versucht mal, da Kontakte zu knüpfen, ohne mit den Leuten schon im Kindergarten gewesen zu sein. Nicht möglich. Mit dem Auto in DEN KREISEL fahren - für Ortsunkundige: das ist der einzige zweispurige Kreisverkehr der ganzen Stadt und die Leute erbeben vor Angst, wenn sie davon sprechen. Böse? Nein. Tatsache - und darauf vertrauen, dass sich die Radfahrer an grundlegende Verkehrsregeln halten. HA! Das Leben in Münster ist nur als Münsteraner angenehm und Humor findet man nur im Tatort. Ich darf das sagen, denn ich will eh nie mehr dahin.

Wovon ich aber eigentlich im Nachgang zum Klassentreffen erzählen wollte, ist meine Begegnung mit der Westfälischen Pause. Dazu muss ich noch etwas weiter ausholen. Ich hatte ja schon öfter erwähnt, dass meine ganze Familie aus Berlin stammt und somit auch das entsprechende Naturell (pampig, aber herzlich) sowie die sprachlichen Gewohnheiten ("Bouletten" und "Schrippen", wa, statt "Frikadellen" und "Brötchen") mein Umfeld beherrschte, solange ich denken kann. Eigentlich berlinerte es allerorten um mich herum, sodass ich in dem festen Glauben aufwuchs, ebenfalls eher Berliner im Exil als Rheinländer im Rheinland zu sein. 

Wie sehr ich mich darin getäuscht habe, musste ich nämlich in Münster erfahren. Ich bin Rheinländer durch und durch: redselig bis geschwätzig, kontaktfreudig, gesellig und vielleicht auch ein bisschen oberflächlich dabei. Das sind dalles Eigenschaften, die mit denen der Westfalen vollkommen inkompatibel sind. Die sind - soweit ich sie kennengelernt habe - eher ruhig, man könnte auch abweisend sagen, einsilbig (oder maulfaul) und - hmmm - "träge", was die Anbahnung neuer Kontakte angeht. Um es kurz zu machen: Es hat drei Jahre gedauert, selbst OHNE KINDER, einen netten Bekanntenkreis aufzubauen.

Dennoch sind wir von Anfang an in unserer Freizeit mehr oder minder häufig mit Menschen in Kontakt gekommen. Und mit denen habe ich mich dann auch gerne unterhalten. Also - um ehrlich zu sein - ich habe sie unterhalten. Denn ich habe das gemacht, was ich in Gesellschaft immer mache, ich rede. Viel. Und mit einigen Schlenkern und Schnörkeln. OK. Mit vielen davon. Und ich persönlich finde das dann auch immer interessant. Aber irgenwann muss auch ich mal aufhören und immer genau dann kam von meinem westfälischen Gegenüber - nichts. Schweigen. Stille. Also genau das, was in einem ersten Gespräch immer besonders unangenehm und peinlich ist. Ich habe dann regelmäßig gedacht "Huuuu! Jetzt hast du wiedermal was total Doofes gesagt. Mist. Peinlich." Schnell Thema wechseln. Und dann habe ich ein neues Fass aufgemacht und wieder viel erzählt. Mit demselben Ergebnis. Stille, Schweigen. Unbehagen. 

Das hat mich belastet. Echt. Sodass ich irgendwann mal mit einer älteren Münsteranerin darüber gesprochen habe: dass ich immer rede und rede und REDE und wenn ich damit aufhöre, die Leute immer total peinlich berührt sind und schweigen. Ob sie da vielleicht einen Rat weiß. Und dann sagt die: "Das musst du nicht persönlich nehmen. Das ist hier einfach so. Wenn ein Gespräch lange genug dauert, entsteht Stille. Das ist die "Westfälische Pause". Das ist gar nicht unhöflich gemeint. Wir sind halt gerne für uns. Wenn ich dich in einer Kneipe treffen würde, würde ich mich auch nicht zu dir an den Tisch setzen, sondern woanders hin. Das machen wir hier so."

AHA.

Hat also nichts mit mir zu tun. Na dann bin ich ja beruhigt. Habe also nichts Blödes gesagt, sondern einfach nur die Redezeit ausgefüllt, sodass mein Gegenüber erstmal mit der Pause dran war. Wie unhöflich von mir, genau in dem Moment weiterzureden, in dem der Westfale eigentlich ansetzen wollte, zu antworten. Vielleicht. Auf jeden Fall ein mentalitätstechnischer Kulturschock. Habe mich in Berlin tatsächlich wohler gefühlt: pampig, aber grundsätzlich offen. Damit kann ich arbeiten.

Jetzt sollte man denken, dass mir als heimgekehrte Rheinländerin im Rheinland dann keine Westfälische Pause mehr begegnet. Bin ja nicht mehr in Westfalen. Weit gefehlt! Während des Klassentreffens ist sie mir tatsächlich hin und wieder über den Weg gelaufen. Diese peinliche Stille nach eigenen Redebeiträgen. Doof ist: Jetzt kann ich es nicht mehr auf die maulfaulen, bornierten Münsteraner schieben. Es muss an mir liegen. Wahrscheinlich habe ich einfach was echt Doofes gesagt. Naja - was solls. Einer muss das ja machen. Wäre ja sonst kein Klassentreffen...